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Im Blickpunkt …
Sakralbauten wurden im Mittelalter auf einen oder mehrere Ehrentitel geweiht. Welche Titel hatte nun die Ranftkapelle mit dem Weihedatum 27. April 1469? – Abschriften zweier Urkunden durch Johann Joachim Eichhorn (Quelle 004) nennen vier Titel: Selige Jungfrau Maria (Mutter Jesu), heilige Maria Magdalena, Kreuzerhöhung und die 10'000 Martyrer (wörtlich im Genitiv: Martyrum, also nicht equitum oder militum = Ritter). Wer waren nun diese 10'000 Martyrer? – Anfangs 2. Jahrhundert soll ein Teil einer römischen Truppe unter Achatius sich in Armenien geweigert haben, den heidnischen Göttern zu opfern. Darauf sollen sie auf dem Berg Ararat (Har Meni) gekreuzigt worden sein. Gedenktag ist der 22. Juni. Im 15. Jahrhundert wurden diese Martyrer von den Eidgenossen, besonders von den Bernern jährlich festlich gefeiert. – Diese Legende wird oft verwechselt mit einer anderen, mit der der Thebäischen Legion (Legio Thebaica). Auf den offiziellen alten römischen Listen, findet man sie allerdings nicht. Diese wiederum fielen bei Acaunum (St. Maurice), später in Savoyen. Präfekt der Legion war Mauritius, der später als Heiliger verehrt wurde. Gedenktag der Thebäischen Legion ist jedoch der 22. September. Das ist Verwechslung Nummer 1. Wie so oft, verwechselt jemand etwas und schreibt das Missverständnis in ein Buch. Dann schreiben es ein paar Dutzend Leute unüberprüft ab (auch Roland Gröbli, Die Sehnsucht nach dem «einig Wesen», Zürich 2/1991, Seiten 104–109 und 137).
Auf späteren barocken Altarbildern wird St. Mauritius bisweilen mit einem Wappen dargestellt: weisses Kreuz bis an den Rand gezogen im roten Feld. Wie ist dieses Wappen zuzuordnen? Mauritius war der Patron Savoyens. Der nach ihm benannte Ort St. Mauritius lag bis 1536 im Hoheitsgebiet Savoyens. Das Wappen gehört Savoyen und ist nicht eine frühe Form des Schweizer Wappens. Ein semantisches Chaos zweier gleicher Feldzeichen kann katastrophale Folgen haben. Wie kann man sich dann später trotzdem permanent an das Missverständnis festklammern und steif und fest das Falsche in Geschichtsbücher und «Standardwerke» schreiben (Gröbli, a.a. Ort, 108 und 137, Hist. Lexikon der Schweiz, Schweizerkreuz, 30.12.2011, Wikipedia, Fahne und Wappen der Schweiz, 30.12.2011). Missverständnis Nummer 2 fusst in der Irrmeinung, dass diverse Schlachten allein von den Eidgenossen gewonnen worden seien, zum Beispiel die bei Laupen 1339 und bei Murten 1476. Von beiden Schlachten berichtet in Bildern der Berner Chronist Diepold Schilling (1446–1486, Gerichtsschreiber in Bern, Onkel des Luzerner D. S.), wo jeweils die Fahne deutlich abgebildet ist. Auch Bilddokumente sind wichtig. Und der Berner Gerichtsschreiber hatte sich gewiss nicht vertan; es gab zu seiner Zeit noch keine Schweizerfahne. Laupen: Eidgenossen unter Führung Berns kämpfen «Seite» an Seite mit Soldaten des verbündeten Savoyen, welche ihr spezifisches Feldzeichen führen. Gegner waren damals nebst der Stadt Freiburg Habsburg mit den einverleibten Zähringen und Kyburg sowie Burgund. (• Bild zeigen: Schlacht bei Laupen)
Murten: Die Lage war kompliziert. Noch 1475 war Savoyen unter der Regentin Jolanthe (Yolande) von Valois mit Burgund verbündet. Sie war die Schwester des französischen Königs Ludwig XI. und Mutter des unmündigen Herzogs Philibert. Adrian von Bubenberg wurde im Juli 1475 als Mitglied des Kleinen Rats von Bern suspendiert. Es war ihm untersagt, im Namen Berns jegliche Aktivitäten zu unternehmen. Dennoch nutzte er die Zeit und war auf eigene Verantwortung diplomatisch tätig. Er hatte zudem Verwandte und Bekannte im savoyischen Adel. Seine zweite Ehefrau kam aus La Sarraz im damaligen Savoyen. Schriftliche Aufzeichnungen über diese diplomatischen Bemühungen gibt es nicht, auch nicht darüber, wo und wie er sich mit Jolanthe getroffen hatte und ein geheimes Abkommen abschliessen konnte. Er war der Urheber der ganzen Strategie bis hin zur Schlacht von Murten. Jolanthe vertraute seiner Führung nun ein grösseres Truppenkontingent an, das mit der Fahne Savoyens in die Stadt Murten einzieht, um sie bei einer Belagerung durch ein burgundisches Heer zu verteidigen – so dargestellt in der offiziellen Berner Chronik. Zudem sind auf dem Rücken dieser Soldaten schwarze Kreuze zu sehen. Dieses Bild kann uns eine Geschichte in der Geschichte erzählen, es sagt mehr als tausend Worte, die damals nicht geschrieben wurden. – Offiziell stand zu dieser Zeit Murten noch unter der Schutzherrschaft Savoyens (bis 25. Juli 1476). Eine kleine Artillerie befand sich bereits in der Stadt. Ein eidgenössisches Kontingent von 1000 Mann unter Führung des Zürchers Hans Waldmann befand sich zur gleichen Zeit in Freiburg und sollte im Ernstfall diese Stadt verteidigen. (• Bild zeigen: Einzug in Murten) Die Strategie Bubenbergs war nun, das grosse Heer Burgunds vor die Stadt zu locken. Da haben wir also einen historischen Beweis. Es verging viel Zeit bis der Herzog von Burgund dies bemerkte und den Plan durchschauen konnte. In dieser Zeit konnten Bern und die Verbündeten, nachdem sie den Plan Bubenbergs für gut befunden hatten (sie hatten keine andere Wahl), den Aufmarsch zur Schlacht genau nach der Strategie ihres noch suspendierten Ratsherrn organisieren. Es kam dann, dass in der Schlacht bei Murten, 22. Juni 1476, auf beiden Seiten Savoyer gegeneinander kämpften, da der Onkel von Herzog Philibert, Jakob von Savoyen, Graf von Romont, als Marschall ein Armeekorps Burgunds befehligte und mit der Regentin Jolanthe nicht im Einklang war. Ein kleines loyales Kontingent stand unter dem Befehl Adrians von Bubenberg. Im Zorn wegen der verlorenen Schlacht liess Karl der Kühne durch Olivier de la Marche die Herzogsmutter Jolanthe auf ihrem Weg von Gex nach Genf entführen, denn er war dahintergekommen, dass die Regentin Savoyens seit Wochen gegen ihn arbeitete und den Ausgang der Schlacht mitzuverantworten hatte. Jolanthe konnte aber bald wieder befreit werden. – Jolanthe von Valois selbst hatte übrigens ein zweiteiliges Wappen (Allianzwappen): links das savoyische Kreuz auf rotem, rechts drei goldene Lilien auf blauem Grund (Wappen Frankreichs). Waren darum die als blau abgebildeten Soldaten die Leibgarde Jolanthes? Es scheint jedoch, dass es ein französisches Expeditionsregiment war, das König Ludwig XI. seiner Schwester zu Hilfe sandte. Murten wurde also von savoischen und französischen Soldaten unter dem Kommando des freigestellten Berner Ratsherrn verteidigt. Übrigens das Wappen von Savoyen (Savoie, Savoia) gibt es heute noch. Das ganze Herzogtum zerfiel später und wurde Frankreich einverleibt, wo es heute zwei Departements bildet. Die Domäne der Adelsfamilie verlagerte sich nach Osten in die Grafschaft Piemont mit der Residenz Turin. Dann wurde aus dem Herzog von Savoyen schliesslich 1720 der König von Sardinien und am 17. März 1861 sogar König des vereinigten Italien. Dessen Staatswappen enthielt in Miniaturform in der Mitte bis 1945 das Wappen von Savoyen, das weisse Kreuz im roten Feld. Die Savoyer in Frankreich verstehen sich noch heute als eigenes Volk mit eigener Identität und Sprache (das Arpitan, das Franko-Provenzalische). Themawechsel: Über das Sachsler Meditationstuch gibt es hier auch eine druckbereite Broschüre (PDF 3MB), in dessen Anhang ist am Schluss neu auch die geometrische Konstruktion zu finden.
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