Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Quellen - Bruder Klausund Dorothea
  
  
Heinrich Gundelfingen
  
Quelle Nr. 052

  

  
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Zeit: Mitte August 1488 (Abschlussdatum)
  
Herkunft: Offizium und Historia Nicolai, Original 1932 von Pater Thomas Käppeli OP wiederentdeckt in der Bibliotheca Communale dell'Archiginnasio in Bologna, Cod. A. 152. 26, datiert durch: Henricus Gundelfingen mit Waldkirch Idus Augusti 1488 (siehe: dessen Vorwort) – enthält Erweiterungen durch die Hand J. J. Eichhorns; die Seiten 27 und 28 (Chronik der Oberen Ranftkapelle, vgl. Quelle 004) sowie 52 (Abschrift aus dem alten Jahrzeitbuch, Quelle 036) sind von Eichhorn beschrieben; die Pagination stammt ebenfalls von Eichhorn. Eine farbige Reproduktion befindet sich im Museum Bruder Klaus, Sachseln, sowie eine in schwarzweiss im Pfarrarchiv, Sachseln. – (Abschriften: 1591 Klosterbibliothek Engelberg, 1593 Staatsarchiv Sarnen und weitere im Pfarrarchiv von Sachseln).
  
Kommentar: RadskizzeDas Original enthält viele Rasuren und Glossen von Johann Joachim Eichhorn, der die Schrift für den Heilig- bzw. Seligsprechungsprozess aufbereitete. Dieses Original enthält 52 Seiten: auf den Seiten 1 bis 24 das Offizium, dann wurden zunächst 4 Seiten (25–28) leergelassen, auf den Seiten 29 bis 51 folgt die Historia Nicolai, die Seite 52 blieb wieder leer. Gundelfingen hat dann anschliessend auf den Seiten 25 und 26 das Vorwort mit Widmung an die Stadt Luzern sowie der Datierung – Waldkirch, Mitte August 1488 – hingeschrieben. Die leergebliebenen Seiten 27, 28 und 52 wurden durch J. J. Eichhorn beschrieben (Abschriften aus dem Jahrzeitenbuch betreffend Bau und Einweihung der Ranftkapellen sowie über Weggang und Tod von Bruder Klaus). – Heinrich Gundelfingen wollte dem literarischen Typus nach nicht eigentlich eine Biografie schreiben (wie oft angenommen wird), sondern vielmehr eine Lobrede, ein grösseres Epitaph. Dennoch darf das Werk als «biografisch» gelten.
  
Abbildung rechts: Wappen der Freiherren von Gundelfingen, Sammlung «Monumenta Heraldica Helvetica», Stadtbibliothek Winterthur
  
Auf Seite 40 des Bologneser Originals befindet sich eine einfache Skizze des Rades, die der im Pilgertraktat, Nürnberger Ausgabe B (Quelle 048) 1488, sehr nahe kommt, allerdings ist sie spiegelverkehrt und heute sehr verblasst. Der Mittelpunkt ist bei Gundelfingen jedenfalls nur als Nadeleinstich des Zirkels (Krater) vorhanden und nicht gezeichnet (!); in der Nürnberger Variante fehlt dieser Punkt ganz, nicht jedoch in der Augsburger Version (ohne Jahresangabe, um 1488). Das umrandende Quadrat der Augsburger Variante fehlt hier ebenfalls. Hingegen stimmen die Kreis-Proportionen nahezu überein. Damals hatte das Buch als Handschrift dem Buchdruck etwas voraus: RadskizzeExakte Kreise konnten mit dem Zirkel gezeichnet werden, an dem ein harter Stift aus einer Blei-Silber-Legierung befestigt war. Die Zeichnung wurde darum nicht mit Tinte gemacht sondern mit einem solchen «Bleistift», den es im 15. Jahr­hun­dert bereits gab. Dies wiederum setzte damals Kenntnisse in der Geometrie voraus, die Gundel­fingen nachweislich hatte, da er an der Universität Freiburg auch im Fach Mathematik tätig war. Die Zeichnung in Gundelfingens Handschrift ist ein aufschlussreiches Artefakt (Abbildung links: Rekonstruktion mit dem Computer), der Mittel­punkt ist bloss als Nadelstich, als Krater vor­handen) Im Text erwähnt er übrigens ausdrücklich das gemalte Bild und keine Skizze. Seine Skizze, kommentarlos eingefügt, gleichsam wie ein erratischer Block, sollte den Versuch ergänzen, eine Struktur, ein Konzept des gemalten Bildes zu ergründen. Diese Skizze fehlt in den späteren Abschriften, da der Sinn der Präsenz ohne erklärende Worte nicht nachvollziehbar ist. Die Radskizze in Peter Bergers Inkunabel (Augsburger Ausgabe) ist hingegen zweifellos die Folge eines Missverständnisses. In Gundelfingens Handschrift wurde die Skizze mit Zirkel vom Bund aus (90° im Uhrzeigersinn gedreht) erstellt. Das hatte rein praktische Gründe in der Handhabung.
  
Apropos Geometrie und Kunst: In der Skizze Gundelfingens finden wir sogar den berühmten Goldenen Schnitt, das propor­tionale Verhältnis zwischen dem äussersten Radius und dem Abstand zwischen den beiden Ringen entspricht genau diesem wohlgeformten Ideal (1:0,618, messbar mit einem Reduktionszirkel), wie es bereits von den alten Griechen in der Architektur angewandt wurde und seit der Renaissance – angeregt durch die Steinmetze – auch in anderen Kunstarten in Gebrauch ist. Der Goldene Schnitt vermag beim menschlichen Betrachter ein Gefühl des Wohlgefallens zu vermitteln. Annähernd gleiche Proprotionen finden wir nun auch teilweise beim farbigen Tuch, wo die Kreise jedoch etwas unregelmässig verlaufen. – 1921, beim Abschluss seines grossen Quellenwerks, kannte Robert Durrer diese Zeichnung jedenfalls noch nicht. – Wenn übrigens eine Zeichnung und ein Holzschnitt zueinander spiegelverkehrt sind, dann ist die Zeichnung die Vorlage und somit älter.
Vergleich aller 3 Rad-Skizzen.
  
Die ganze Ausarbeitung des Offiziums mit Noten und Initialen sowie der äusserst sauberen Handschrift dürfte ein längere Zeit in Anspruch genommen haben, so dass höchstwahrscheinlich auch die erste, die Augsburger Ausgabe (frühestens 1486, eher um 1488) des Pilgertraktats noch nicht existierte. Wenn Gundelfingen in der Historia Nicolai exakte Beschreibungen des Radbildes (bzw. Meditationsbildes) von Bruder Klaus vorlegt, dann konnte er nicht aus dem noch nicht gedruckten Pilgertraktat abschreiben. Seine Arbeit (siehe auch auf dieser Website: Das Sachsler Meditationsbild 3) geht der Drucklegung des anderen Werkes zeitlich klar voraus. Ausser dem Werk Gundelfingens ist keine dem Druck des Pilgetraktats vorausgehende Handschrift nachweisbar. Es liegt darum hier ein starkes Indiz vor, dass Gundelfingen mit der Entstehung des Pilgertraktates zumindest etwas zu tun hatte, wenn auch der dortige deutsche Wortlaut nicht seinem Stil entspricht, sondern vielmehr der Eigenwilligkeit des Druckers (Übersetzer, Endredaktor, Lektor und Herausgeber), Peter Berger sowie Markus Ayrer. Von der deutschen Sprache abgesehen kann man durchaus annehmen, dass Heinrich Gundelfingen auch der eigentliche Autor des anonymen Pilgertraktats (Quelle 048) ist, bzw. im damals weiteren Sinn der Urheber der Ideen. Wes’ das Herz voll, des’ geht der Mund über, diese Redensart ist fast immer auch auf Professoren anwendbar. Es ist anzunehmen, dass Gundelfingen seinen Studenten von der Entdeckung des «Rades» und seinen Spekulationen darüber in seinen Vorlesungen – in Latein selbstverständlich – sehr ausführlich berichtet hatte.
  
Zweimal (im Officium und in der Biographie) erscheint in der Handschrift je eine Angabe über die Herkunft, die mehr als Vermutung, denn als historische Tatsache zu werten ist: «natione Leopontiacus». Eichhorn (nach 1602) übersetzte dies fatalerweise als Familienname, als «Löwenbrugger» – in Dialektform: «Leuebrugger». Es geht hier jedoch eindeutig nicht um einen Familiennamen sondern um den Namen einer «Nation», bzw. eines Volkes oder Volksstammes. In Frage käme nur der keltisch-gallische Stamm der «Lepontiner» (Lepontii, in Gallia Cisalpina), die jedoch südlich des Gotthards (heutiges Tessin) ansässig waren. Von daher stammt denn auch der Name des Ticino-Tales: «Leventina» (Lautverschiebung zwischen «b», sowie «p» einerseits und «v» bzw. auch «w» andererseits). Nördlich des Gotthards lebten jedoch vorwiegend die Helvetier, die sich nach der Einwanderung der Alemannen mit diesen vermischten.
  
Nicht leicht ist es mit den militärischen und politischen Chargen in Gundelfingens Text zurechtzukommen, es muss unbedingt sein sprachlicher Kontext berücksichtigt werden. «minister» bedeutet keineswegs «Landammann», wie Robert Durrer übersetzt, sondern einfach nur «Ratsmitglied», «Ratsherr». Mit welchem Dikasterium (Ressort)? Da es noch keine Gewaltentrennung (wie später nach Montesquieu) gab, war der Rat auch eine gerichtliche Instanz. Niklaus von Flüe war also zugleich, von Amtes wegen, auch Richter. Die aufgezählten militärischen Grade entsprechen denen im antiken Rom: «vexillifer», «manipularius» und «primipularius». «vexillifer» ist der Fahnenträger, der Fähnrich (ein hoher Unteroffizier); «manipularius» ist der Führer eines Manipels, also ein Zugführer, bzw. Leutnant (der unterste Offiziersgrad); «primipularius» (primus pilus = der erste Speer) ist schliesslich der Erste (der Primus), der höchste Offiziere (entsprechend dem antiken Rom: Centurio). Robert Durrer übersetzt hier mit: «Rottmeister», was lediglich dem Grad eines Hauptmanns entsprechen würde (vielleicht hatte Durrer auch das Wort «Rittmeister» verballhornt). Das dürfte aber eher nicht zutreffen. Der höchste militärische Grad eines Landortes wie Unterwalden ob dem Kernwald war auf jeden Fall der «Bannerherr» – nicht derjenige, der die Fahne trug (Fähnrich), sondern derjenige, der das Kommando über die Fahne, bzw. über die Truppe unter der gleichen Fahne innehatte, das entspricht dem modernen Grad «Oberst». Der Bannerherr, bzw. hier im ortsüblichen Dialekt: «venner» oder «vennerich» (vgl. auch: Durrer, 28) war der Kommandant der Truppe eines Ortes (Kantons) und zugleich Mitglied des Rates (Verteidigungsminister). Diesen Grad hatte später, seit 1488 (bereits etwa 40-jährig) auch der Sohn von Bruder Klaus, Welty (Walter) von Flüe (siehe: Sachsler Kirchenbuch, Quelle 053). Dass unser Niklaus von Flüe Oberst war, finden wir zwar kaum in einer anderen Quelle, dürfte aber trotzdem keine falsche Behauptung Gundelfingens sein. Es kann sein, dass der Professor aus dem Breisgau einerseits manche Worte im Obwaldnerdialekt nicht richtig verstanden hatte, andererseits sich bemühte, ein gutes Latein zu schreiben und darum bisweilen mehr verklärte als klärte. Dass Niklaus von Flüe vorher, im «bürgerlichen» Leben, Ratsherr und Richter war, hielt bereits vor ihm der unbekannte Dominikaner (Quelle 005) fest, der den Einsiedler im Juni 1469 einer Art Inquisition unterzogen hatte. In einer dritten Quelle – Sachsler Kirchenbuch (Quelle 053) – sagt der Jugendfreund Erni Anderhalden: Klaus habe «in Kriegen den Feind wenig geschädigt, ja ihn sogar nach seinen Möglichkeiten beschützt». Dies hätte er sicher nicht tun können, wenn er nicht eine sehr hohe Befehlsgewalt gehabt hätte.
  
Von Heinrich Gundelfingen ist anzunehmen, dass er zwischen dem 16. Oktober 1480 und Ende Januar 1481 selbst Bruder Klaus im Ranft besuchte. Wegen einer Pestepidemie war die Universität in Freiburg vorübergehend geschlossen. 1480 war er Chorherr des Stiftes Beromünster geworden, verliehen durch die Stadt Luzern. Im Zusammenhang mit dem Patronat über das Stift Beromünster hatte die Stadt Luzern seit 1480 das Ernennungsrecht (Kollatur) für die Pfarrei Sarnen. In Personalunion mit der Pfründe im Stift Beromünster soll Gundelfingen auch die der Pfarrei Sarnen erhalten haben, wofür er sich mit der aufwendig gestalteten Handschrift bei der Stadt Luzern bedanken wollte. – Im Vorwort deutet Gundelfingen im übrigen seine Bereitschaft zum Verfassen einer weiteren Schrift über den Eremiten Unterwaldens an.
  
Der bis heute immer noch bedeutendste Biograph des Heinrich Gundelfingen war Ferdinand Rüegg, Historiker und 1906–1913 Bischof von St. Gallen, obwohl nur zwei Publikationen bekannt sind:
– Rüegg, J.F. Heinrich Gundelfingen, ein zeitgenössischer Biograph des seligen Nikolaus von Flüe, Zeitschr. f. Schw. Kirchengesch. 4 (Stans 1910), Heft 2, 22–34
– ders. Heinrich Gundelfingen, Ein Beitrag zur Gesch. des deutschen Frühhumanismus, Freiburger Studien, Bd. 6, Freiburg i.Ü., 1910
  
Referenz: Rupert Amschwand, Ergänzungsband, 105–116 (Historia Nicolai), 117–118 (6 Lesungen des Offiziums), – ferner: Faksimile (Photokopie) und Transkription (nach Robert Durrer), edition critique de Jean-Marie Curti, Opera Studio de Genève, 1991

  

   Hier folgt das Offizium vom seligen Nikolaus auf der Flüe, dem schweizerischen Einsiedler von Unterwalden.
  
[Übersetzung von Robert Durrer, überarbeitet von WTH
  
Antiphon für die Psalmen in der ersten Vesper:
  
O wie wunderbar ist die Macht des Erlösers in den Verdiensten des Bekenners Nikolaus, der vor Gott und den Menschen des Gedächtnisses würdig, mit den Heiligen bereits in ewiger Herrlichkeit frohlockt.
  
Responsorium der ersten Vesper:
  
Heiliger Nikolaus, Einsiedler Christi, bitte für uns, wir bitten dich, im Angesicht Gottes, dass wir für das Vergangene Verzeihung, für das Zukünftige Schutz erwerben. Der Du mit Zachäus den Baum der Tugend erstiegen, würdige Dich, für uns demütig Flehende Fürbitte einzulegen.
  
Hymnus:
  
Ob den Verdiensten des Nikolaus
Und seinen erhabenen Taten, seinen
Leuchtenden Tugenden erschallt
Der Himmel von Lobgesang.
Geboren in Unterwalden
Stark in Wort und Tat,
Eilte er in die Einsamkeit,
Herr, zu deinen Soldaten.
Die Zeit seiner Reife
Verbrachte er nicht in Leichtsinn,
Da er dich innigst liebte,
Gütigster Schöpfer des Lichts.
Von Weltlust und Verlockung
Wandte er sich mit Verachtung,
Bauend auf deinen Trost,
Jesu unsre Erlösung.
Lange fastete er
Peinigte seinen Körper,
Deiner Werke gedenk
Erhabner Schöpfer der Sterne.
Die Nacht verbracht' er in Mühsal
Und frommem Gebete,
Und liess davon nicht ab
Wenn der Tag erschien.
Mit Fasten sich quälend,
Durch Hunger sich stählend,
Hoffte er einzugehen
zum Tische des weisen Lammes.
Geschmückt mit dem Tugendkranz,
Umstrahlt vom Wunderglanz,
Ging er zum Herrn ein,
der Krone der Jungfrau’n rein.
Lob sei dem Vater und Sohn
Hoch auf dem Himmelsthron;
Erfüll uns mit Himmelsglanz,
Komm heilger Geist.
Amen.
  
Antiphon ad Magnificat:
  
Denn nun ist das Fest des heiligen Eremiten Nikolaus erschienen, der durch die Palme des Einsiedlerberufes verdient hat, ins himmlische Vaterland versetzt zu werden.
   
Oratio:
  
Gott, der du dem seligen, den Weg der Enthaltsamkeit und aller Tugenden wandelnden Einsiedler Nikolaus das Licht deiner Gnade gezeigt hast, gewähre uns gnädigst, dass wir jenen als Fürsprecher im Himmel spüren, durch dessen Lebensbeispiel wir auf Erden erleuchtet werden. Durch unsern Herrn etc.
     
Invitatorium der ersten Nokturn:
Den höchsten König der Herrlichkeit, kommt lasset uns anbeten, ihn, der mit der Krone unvergänglicher Herrlichkeit den seligen Nikolaus erhöht hat.
  
Antiphonen:
  
Der selige Mann Nikolaus, von Unterwalden gebürtig, allzeit im Gesetze des Herrn sich auszeichnend, gab Früchte zu seiner Zeit. Er zerschmetterte die teuflischen Anfechtungen in der Wüste wie Töpfergeschirr.
  
O verehrungswürdiger Vater Einsiedler, der aus seinem Schatz Altes und Neues hervorholte, durch den Gott die Zähne der Sünder zerbrach.
    
Vers:
  
Mit Ruhm und Ehre hast du ihn gekrönt und hast ihn erhoben über das Werk deiner Hände.
     
Erste Lesung:
  
Jene, die alles, was ein gutes und seliges Leben bedeutet, auf die Tugend allein gegründet glaubten, scheinen mir wahrlich nicht ohne Überlegung zu urteilen. Denn was ist in einem Körper, was selbst am sogenannten Glücke gut und erstrebenswert, wenn es der Ehrbarkeit entbehrt? Dass allein was ehrbar und der Tugend gemäss ist, gut genannt zu werden verdient, das haben nicht allein die Stoiker mit Worten verkündet, sondern hat weit eindrucksvoller durch die Tat Bruder Nikolaus, der fromme Einsiedler von Sachseln in Unterwalden gelehrt.
     
Responsorium:
  
Jener Heilige, der die Süssigkeit seines Hauses und die Blüte der ganzen Welt verachtete, wurde wahrhaftig ein Eremit und Pfleger des Glaubens um der Liebe Gottes willen.
     
Zweite Lesung:
  
Was nämlich hat unser Nikolaus gedacht, geredet oder gehandelt, das nicht aus der Mitte der Tugend und Religion hervorging? Wenn er der Ansicht gewesen wäre, dass in den Gütern des Körpers und des Glückes etwas Vorzügliches oder Ausserordentliches liege, dann hätte er der Ruhe und der Lust gepflegt und Reichtümer angehäuft, um sie den Kindern und der Ehefrau hinterlassen zu können. Vor dem allem ist er so zurückgeschreckt, dass er nichts als so fernabliegend erachtete, wie leichtfertigen kitzelnden Sinnengenuss und das Haschen nach Reichtum.
      
Responsorium:
  
Heiliger Nikolaus, reinige uns durch dein Gebet von unsern Makeln, der du im Lande Unterwalden so vielen wirst helfen können. Erlöse uns Elende durch deine Fürsprache von den Banden der Sünde und allen Gefahren, der du in Unter(walden so vielen wirst helfen können). Gewiss wusste unser frommer Bruder Nikolaus, dass all das Sklavendienst sei und eines grossen und erhabenen Geistes unwürdig. Er erkannte, dass ein nach innen gerichteter Mann dem innern Menschen sich ganz unterwerfen und gehorchen müsse; dieser letztere aber müsse so herrschen, wie Vernunft und Verstand es vorschreibt. Durch diese zwei Leuchten schaue der menschliche Geist alles, sehe alles, erkenne alles klar, möge es Zeit oder Ewigkeit angehen, auf Erden oder in überirdischen Sphären zu finden sein.
     
Responsorium:
  
Ein unendliches Lob Gottes ist das Fest dieses Tages, an welchem die Blüte Helvetiens zu den Höhen des Himmels emporstieg, durch dessen Gottseligkeit auch das ganze süsse Verlangen Helvetiens nach der Quelle des Heils erfüllt wird.
     
In der zweiten Nokturn.
  

Antiphonen:
  
O glückliches Unterwalden, dem Gott durch die Frömmigkeit des seligen Eremiten Nikolaus Freude verlieh.
  
O Helvetien, gehorche den Mahnungen, die er dir zu deinem Heile gab, in allen ihren Vorschriften, er, den Christus zur Vergeltung gekrönt hat.
  
Dieser ist Nikolaus, der treueste Einsiedler Christi, durch den Gott das Lob vollendete, dass er den Feind und Rächer vernichte.
    
Vers:
  
V. Der Herr] führte den Gerechten [auf geraden Wegen.
R. Und er zeigte ihm das Reich Gottes].
     
Vierte Lesung:
  
Daher sollen Unerfahrene, die vielleicht Neigung dazu zeigten, aufhören sich zu wundern, weshalb der Klausner Nikolaus, nachdem er mit Zustimmung seiner Gattin ein einsames Anachoretenleben gesucht, auf nicht anderes mehr den Geist hingelenkt hat, als auf die Wiederherstellung des Eremitenstandes, der von Antonius und Paulus und andern Vätern eingeführt, aber seither gänzlich unterdrückt worden war. Nikolaus wusste wohl, dass er nicht für sich allein, sondern weit mehr für den Eremitenorden, sein Seelenheil und andern Einsiedlern zum Beispiel geboren sei. Er hielt dafür, diesen traurigen, durch die Untätigkeit der Einsiedler verursachten Niedergang weiter zu dulden, sei nicht weniger verderblich und verhängnisvoll, als unwürdig und unehrenhaft.
     
Responsorium:
  
Ruhmreich ist dieser Einsiedler, da er die Weltfreuden verachtet hatte, sich der Einsiedelei anvertraute und eine Hütte errichtete, in der er lange Zeit sich kasteite und sich in übermenschlicher Weise der körperlichen Nahrung enthielt.
       
Fünfte Lesung:
  
Aus diesem Grunde hat er, der zunächst bei seiner Gattin weilen und seine Kinder erziehen sollte, im kräftigsten Mannesalter und als die Witwenschaft der Frau noch sehr beschwerlich war, diese nicht nur vernachlässigt, sondern geradezu verachtet und für nichts geschätzt, da er ihnen genügenden Wohlstand hinterlassen konnte, hat er nichts als ein Ränzchen und einen Stab für sich beansprucht. Dieser Nikolaus nämlich, von Nation ein Lepontiner [alter keltischer Stamm] aus Sachseln, einem Dorfe in Unterwalden ob dem Wald geboren, führte dort eine gottesfürchtige, sehr fromme Frau heim, mit welcher er tüchtige, kräftige Sprösslinge eines kraft vollen Stammes zeugte. Über sein seliges Leben und seine Enthaltsamkeit wird viel, schier Unglaubliches berichtet, so dass, wenn ich alles erwähnen wollte, es einen mächtigen Band füllen würde. Doch das wenige, das ich zur Erbauung vieler hier schreibe, möge genügen.
     
Responsorium:
  
Heiliger Einsiedler Christi … – Siehe erste Vesper.
   
Sechste Lesung:
  
Obschon er in blühendem Alter, so lange er mit seiner Ehefrau [Dorothea] zusammenlebte, über genügende Reichtümer verfügte, im Kriege Fähnrich [vexillifer], Leutnant [manipularius] und Oberst [primipularius], im Frieden zuweilen hochangesehenes Ratsmitglied der Unterwaldner war, blieb er doch stets in der schlüpfrigen Welt seines Heiles eingedenk, fürchtete nicht wenig die Gefahren, die seiner Seele drohten, und legte das Gelübde ab, wenn seine Gattin [Ehefrau] zustimme, ein Einsiedlerleben zu führen und in einfachem, apostolischen – nicht mönchischem – Gewande, nämlich einem langen grauen [bzw. grisea = alt, abgetragen] Talar, ohne Kopfbedeckung, in blossen Füssen, ohne Gebrauch von Kamm, Bad und andern Waschungen, unfern von seinem Hofe Gott zu dienen.
  
Responsorium:
  
Seliger Nikolaus, empfiehl uns Gott, die wir dir in süssen Weisen lobsingen, deiner süssen Patronin, der heiligen Maria, den Chor der betenden Frauen und den an deinem Feste teilnehmenden Klerus.
      
Antiphonen der dritten Nokturn:
  
Dieser ist der wahre Israelit, der das Zelt Gottes makellos bewohnt, durch den Gott dieser Welt so viele Tugenden offenbart. – Ps. Herr, wer wird [in deinem Zelt] wohnen? Dessen Haupt Christus mit der Krone umgab, die aus Tugenden geflochten, durch den er öfter den Ermatteten die Güter des Heiles zukommen liess. – Ps. Herr, an deinem Mut [erfreut sich der König]. O Nikolaus, Einsiedler Christi, der du Gottes Segen empfangen hast, empfiehl uns deiner süssen Patronin, der heiligen Maria. – Ps. Dem Herrn gehört die Erde.
     
Vers:
  
Es liebte ihn der Herr und schmückte ihn. Mit dem Gewande seiner Herrlichkeit bekleidete er ihn.
  
Lesung / Evangelium:
  
Hier sind wir, die alles verlassen haben. …
  
Responsorium:
  
Der Selige, alles verlassend,
Ging fort in Christo,
Schreckliche Einsamkeiten
Betrat er,
Denn er war ein echter
Gottesverehrer
Und Bebauer öder Einsamkeit.
      
Responsorium:
  
Es lobe den Herrn,
Wer gut sich zu leben freut,
Wie dieser Klausner lebte,
Der seine Weltlust kreuzigte;
Da durch geistliche Waffen
Er die Stachel des Fleisches
Bezwang.
Wie dieser Klausner lebte,
Der seine Weltlust kreuzigte.
     
Responsorium:
  
Erhabner Bruder Nikolaus, du Genosse der Engel des himmlischen Hofes, bitte für uns alle, die dein Fest begehen. Wach über uns, Einsiedler Christi, der du dich in der himmlischen Ruhe [er-]freust.
      
Antiphonen zur Laudes:
  
Der Einsiedler Nikolaus war in dieser schlüpfrigen Welt seines Heiles eingedenk.
Da er die Gefahr für seine Seele nicht wenig fürchtete, beschloss er, ein Einsiedlerleben zu führen.
In einfachem apostolischem Kleide, ohne Kopfbedeckung und barfuss opferte er sich dem Dienste Gottes.
Als er seine häuslichen Angelegenheiten ordnete, behielt er nichts für sich zurück, sondern hinterliess seine Reichtümer der Gattin und den Kindern.
So begab er sich nackt, mit dem Glauben Christi bewaffnet, in die Einöde zwischen abschüssigen Felsen, nicht weit von seiner Heimstätte.
     
Hymnus:
  
O reiner Tag, dem Herrn geweiht,
Dein Name sei gebenedeit
Von allem Volk.
In hellem Klang
Erklinge heut dir Lobgesang.
Denn heut, an diesem Tage war
Niklaus vereint der sel'gen Schar.
Die Engelchöre jubilieren
Der ganze Himmel tät sich zieren.
  
Der Klausner war in seinem Leben
In Heiligkeit dir ganz ergeben.
In dir er seine Ruhe pflag,
Christ, unser Licht und unser Tag.
  
Gehorsam war er deinem Wort
Drum leuchtet er durch Wunder fort,
Dass er ein Heil der Menschen ist.
Du Allbewirker König Christ.
  
Der heiligen Dreieinheit Ruhm,
Ihr Ehrenpreis und Siegestum
Erschall in reinem Lobgesang,
Wie uns aus heil’gem Mund es klang.
Amen.
      
Anderer Hymnus:
  
Es erhebe sich vom Boden
der gewölbte Himmelsbogen,
auf dem zu den Seligen
schreitet der Held Nikolaus
und sich, in die Zahl der Heiligen
aufgenommen, unermesslich freut.
  
Vor dir hingeworfen,
flehen wir dich,
heiliger Nikolaus,
erbitte uns Verzeihung,
auf dass es uns vergönnt sei,
mit dir in Ewigkeit in Christus zu leben.
  
Es gewähre uns das
die selige Gottheit
des Vaters und Sohnes
und gleicherweise
des heiligen Geistes,
deren Ruhm in der ganzen Welt widerhallt.
      
Antiphon zum Benediktus:
  
Frommer Einsiedler Nikolaus, bitte für uns bei Gott mit der Schar der Einsiedler, damit uns Zusammengebrochene der Sturm des Elendes nicht mit fortreisse.
     
Oratio:
  
O Gott, der du den seligen Einsiedler Nikolaus zum barmherzigen Mittler für die Sünden aller gemacht hast, schenke uns durch seine Fürsprache Verzeihung unserer Sunden und die ersehnte Freude ewiger Glückseligkeit. Durch unsern Herrn.
 
Andere Oratio:
Gewähre uns, wir bitten dich, allmächtiger Gott, dass wir uns der Verdienste des heiligen Eremiten Nikolaus erfreuen und durch seine Bitten seiner Verdienste teilhaftig werden. Durch unsern Herrn.  

Seite Offizium
  
Sequenz:
  
Den Einsiedler Christi Nikolaus besinge, Schweizerland; der Feind erbleichend fliehe seinen Namen.
  
Unterwalden freut sich, die Erzeugerin eines solchen Sohnes im Hause Gottes; der zeichnet sich aus durch seine Früchte.   
Durch Enthaltsamkeit die Äste der Tugend verdoppelnd, wie der Ölbaum aus fetter Wurzel die süsse Knospe hervorbringt.   
Die den Kranken heilsam ist und in klarem Lichte erstrahlet, wenn aus irdischem Schmutz und Kerker du entrannst.
  
Nun in freiern Sphären wohnend, kannst du besser bitten, bringe uns guten Rat in unserer Not.
  
Für unser Heil auch bitte jetzt eindringlicher, bringe Hilfe der Welt und hilf dem Versinkenden.
  
Hilf in Trauer und Angst und bringe uns Beistand. Alle Völker flehen dich an und machen dir Gelübde.
  
Hilf in Trauer und Angst und bringe uns Beistand. Jedes Geschlecht und Alter ruft dich vertrauensvoll an.
  
Allen, die immer dich anrufen, gewähre himmlischen Beistand, auf dass sie die ewige Heimat erlangen.
     
In der zweiten Vesper – zum Magnificat:
  
Erhabener Einsiedler Gottes, dich, ehrwürdiger Bruder Nikolaus, dessen jährlich wiederkehrenden Todestag wir festlich erneuern, lobt der Chor des weiblichen Geschlechtes und fleht die ganze Geistlichkeit an, damit du für uns im Himmel ein gnädiger Fürsprecher seist.
Hörproben: Kulturhistorischer Morgenspaziergang «Orte der Kraft»
  
  
Vorwort zur Historia des Eremiten Niklaus von Unterwalden
  
Den grossmächtigen, kriegsgewaltigen Herren, dem Schultheiss, den Senatoren und dem wohlweisen Rat der Hundert in der Stadt Luzern entbietet Henricus Gundelfingen [später durch Eichorn ein «de» (= von) hinzugefügt], Magister der Freien Künste und der Philosophie, Chorherr des Stiftes Beromünster, die besten Grüsse und Empfehlungen. Ich war mit mir selber nicht ganz einig, wem ich die jüngst vollendete für den Kirchengebrauch bestimmte Historia des Einsiedlers Niklaus von Unterwalden zuerst zusenden sollte, um seinem Namen etwas Glanz zu geben, der (wie wir hoffen) von den Päpsten in die Zahl der heiligen Eremiten und Bekenner erhoben werden wird. Wir alle suchen, von emsigem Verlangen nach Ruhm getrieben, etwas, wodurch wir unsere gebrechliche Arbeit adeln und bereichern können. Und vor allem wir Schriftsteller tun das und unter andern erlangen wir damit Glanz, indem wir sie einem hervorragenden Manne oder einem berühmten Gemeinwesen widmen. Darum habe ich mich in langem Hin- und Herüberlegen gefragt, welchen Ort unter den vielen unserer Eidgenossenschaft ich auswählen solle. Ich dachte an Unterwalden, wo unser Einsiedler seinen Ursprung hatte, sein heiliges Leben verbrachte und starb. Ich zog auch andere Orte in Betracht. Aber da kam mir, verehrteste Herren von Luzern, unser [Gundelfingen fühlte sich als Bürger von Beromünster und damit auch von Luzern] ausgezeichnetes und berühmtes Gemeinwesen in den Sinn, dem ich nun diese zum Lesen und Singen (in der Kirche) bestimmte Geschichte widme. Weil Eure Freigebigkeit und Wohltätigkeit mir gegenüber immer so gross war und weil Ihr mich ganz besonders durch Verleihung der Chorherrenpfründe in Beromünster gefördert habt, und auch deshalb, weil von Tag zu Tag der Ruf Eures Namens und Eurer Vortrefflichkeit so gewachsen ist, dass die allerchristlichsten französischen Könige und der durchlauchtigste Erzherzog Sigmund von Österreich Glieder Eures Senates zu ihren Beratern [Botschafter] ernannten und erhoben, die auch in Eurem Rate und in den politischen Dingen grossen Scharfblick bewiesen haben. An Euch also, allerweiseste Senatoren, eingedenk der empfangenen Wohltaten, richte ich nicht unbillig meinen Wunsch und Euch schicke ich diese Historia des Nikolaus und widme sie Eurem Namen. Wollet, vortrefflichste Herren, mit Geneigtheit die geringe Gabe Eures armen Kaplans, obwohl sie ohne Geist abgefasst ist, entgegennehmen und nicht zurückweisen, auf dass, wenn er unter die heiligen Eremiten aufgenommen wird, diese Geschichte unter Eurem Namen publiziert werde und der Name des Nikolaus auch den Euern mit seinem Glanze vergolde. Wenn jener durch genügende Wunder leuchten wird, werde ich mit Gottes Gnade mit bessern Schriften sein Lob verkünden. Seid gegrüsst und haltet mich Euch empfohlen. Aus dem Stift Waldkirch im Schwarzwald, im Jahre des Herrn 1488, am 13. August.
    
  
Lobrede auf den Eremiten Niklaus von Unterwalden
  
[von Werner T. Huber überarbeitete Übersetzung Robert Durrers]
  
Jene, die glauben, alles, was ein gutes und seliges Leben bedeutet, sei auf der Tugend allein gegründet, scheinen mir wahrlich nicht ohne Überlegung zu urteilen. Was ist denn am Körperlichen selbst gut und zum sogenannten Glücke erstrebenswert, wenn es der Ehrbarkeit entbehrt? Dass nur das ehrbar und tugendhaft ist, was auch wirklich als gut bezeichnet wird, das haben nicht nur die Stoiker dargelegt, das hat uns vielmehr durch die Tat Bruder Klaus, der fromme Einsiedler von Sachseln in Unterwalden gelehrt. Was hat nämlich unser Niklaus gedacht, geredet oder gehandelt, das nicht aus der Mitte der Tugend und der Religion hervorging?
  
Wenn er der Ansicht gewesen wäre, dass in den Gütern des Körpers oder des Glückes etwas Vorzügliches und Ausserordentliches läge, dann hätte er der Ruhe und der Lust gepflegt und Reichtümer angehäuft, um sie den Kindern und der Ehefrau hinterlassen zu können. Vor all dem ist er aber zurückgeschreckt, er betrachtete nichts für so abwegig, als leichtfertigen kitzelnden Sinnengenuß und das Haschen nach Reichtum. Gewiss wusste unser fromme Bruder Niklaus, dass all das Sklavendienst sei und eines grossen und erhabenen Geistes unwürdig.
  
Er erkannte, dass ein nach innen gerichteter Mann sich ganz dem inneren Menschen zuwenden und gehorchen soll. Dieser innere Mensch muss aber so herrschen, wie Vernunft und Verstand es vorschreiben. Durch diese zwei Leuchten versteht der menschliche Geist alles, sieht alles, erkennt alles klar, sei es im Hinblick auf die Zeit oder die Ewigkeit, auf die irdische oder die überirdischer Sphäre. Daher sollen Unwissende mit ihren Neigungen aufhören sich zu wundern, warum der Einsiedler Niklaus, nachdem er mit Zustimmung seiner Gattin ein einsames Anachoretenleben gesucht, auf nichts anderes mehr den Geist hingelenkt hat, als auf die Wiederherstellung des Eremitenstandes, der von Antonius und Paulus eingeführt, aber seither völlig vernachlässigt wurde. Niklaus wusste wohl, dass er nicht für sich allein, sondern weit mehr für den Eremitenstand, für das Seelenheil und zum Beispiel für andere Einsiedler geboren sei.
  
Aus diesem Grunde hatte er die bisherige Lebensweise aufgegeben und achtete dies alles für gering. Vorher weilte er bei seiner Gattin und erzog seine Kinder. Dann liess er alles zurück, obwohl er noch im kräftigsten Mannesalter und die Witwenschaft für die Frau noch schwer war. Er hinterliess den Seinen jedoch genügend Wohlstand und beanspruchte für sich nichts als ein Ränzchen und einen Stab.
  
Dieser Niklaus nämlich, ein Lepontiner aus Sachseln, in einem Dorfe in Unterwalden ob dem Wald geboren, führte dort eine gottesfürchtige, sehr fromme Frau heim, mit welcher er tüchtige, kräftige Sprösslinge eines kraftvollen Stammes zeugte. Über sein seliges Leben und seine Enthaltsamkeit wird viel, ja schier Unglaubliches berichtet, so dass, wenn ich alles erwähnen wollte, es einen mächtigen Band füllen könnte. Doch das wenige, welches ich zur Erbauung vieler hier schreibe, möge genügen. Obschon er in blühendem Alter, so lange er mit seiner Ehefrau [Dorothea] zusammenlebte, über genügende Reichtümer verfügte, in Kriegen Fähnrich [vexilifer], Zugführer [manipularius, Leutnant, altrömisch: Führer eines Manipels] und Oberst [primipularius, Bannerherr], im Frieden mehrmals hochangesehener Ratsherr in Unterwalden war, so dachte er doch stets in dieser schlüpfrigen Welt an sein Heil, fürchtete nicht wenig die Gefahren, die seiner Seele drohten. Er legte das Gelübde ab, wenn seine Gattin [Ehefrau Dorothea] zustimme, ein Einsiedlerleben zu führen, in einfachem apostolischem - nicht mönchischem - Gewand, nämlich einem langen grauen Talar [Rock, Habit, Kutte - grisea tunica; grau im Sinne von alt, abgetragen – vgl. Bonstetten, Quelle 015], ohne Kopfbedeckung, mit blossen Füssen, ohne Gebrauch von Kamm, Bad und anderem Waschzeug Gott zu dienen. Nachdem er seine häuslichen Angelegenheiten geordnete hatte, hinterliess er all sein Vermögen den Kindern und der Ehefrau, behielt sich nichts vor, und so von all diesem entblösst, nur mit dem Glauben Christi ausgerüstet, begab er sich unverzüglich in ein tiefes Tal unfern seiner früheren Wohnstätte und den obwaldnerischen Dörfern Sachseln und Kerns. Dort gab es in einer Schlucht zwischen steilen und dichtbewaldeten Felswänden einen Wildbach, der in reissendem Laufe die Wasser ständig zu einer weissen, milchigen Gischt aufschäumen lässt. Dort wohnte er eine Zeit lang, bis zur Erbauung seiner Einsiedelei, ohne menschliches Obdach in einer Felsenhöhle, welche die kunstreiche Natur geformt hatte, bei einer munteren Quelle, die mit süssem Murmeln aus den Steinen hervorsprudelt. Durch diese Quelle ist er gewiss immer wieder belebt worden, wenn er am Anfang seiner Nahrungslosigkeit erschöpft und ohnmächtig war. Bei Anbruch der Nacht fand er etwas Schlaf in der Höhle auf einem Lager aus Laub und Tannenästen.
  
Später hatte er mit Hilfe der Unterwaldner und anderer christgläubigen Leute eine Klause und eine Kapelle mit drei geweihten Altären gebaut. Eleonora, die fromme Gemahlin von Erherzog Sigmund und Königin von Schottland [sie war allerdings nur die Tochter König Jakobs I. von Schottland], und der Erzherzog selber statteten diese Kapelle aus mit Kelchen, Messgewändern und anderen für den Gottesdienst auserlesenen Geräten [vgl. Quelle 018]. Nachdem die Einsiedelei auf diese Weise fertig und ausgerüstet war, hat unser Waldbruder, der sich in wunderbarer Weise in Gebeten, Nachtwachen, Fasten und Betrachtungen vertiefte, einen solchen Ruf der Heiligkeit bekommen, dass viele Leute aus Ober- und Niederdeutschland ergriffen waren von dieser Reinheit, Keuschheit, Frömmigkeit und der bisher selbst bei den Wüstenvätern nicht vorhandenen Enthaltsamkeit von jeder irdischen Speise. Sie überhäuften diesen Einsiedler aus einem Herzen und aus einem Munde [einstimmig] mit Lobsprüchen, riefen ihn als Heiligen aus, erhoben ihn zum Himmel empor, so dass nicht daran zu zweifeln ist, dass der Tag nicht mehr fern ist, an dem er nicht nur vom Volke heilig gesprochen wird, sondern, wenn die Wunder glänzen, auch von den Päpsten unter die Zahl der heiligen Eremiten und Bekenner aufgenommen wird.
  
Wie bemerkenswert seine grosse Enthaltsamkeit war und wie tatkräftig sie trotz des durch die Missgunst der Zeitgenossen hervorgerufenen Niederganges des Einsiedlgedankens wirkte, kann niemand bestreiten. Und bald folgte ihm ein gewisser Edelmann aus Noricum [ehem. römische Provinz: Bayern, Schwaben und Österreich], namens Ulrich. Dieser hatte vom unbescholtenen und strengen Leben des Waldbruders vernommen und wurde vom Verlangen erfasst, ihn zu sehen. Durch den Ausspruch aus dem Evangelium «Die Besitzlosen, werden alles besitzen» (vgl. Mt 5,3) bewogen, verliess er um Christi willen seine Blutsverwandten und reiste zur Einsiedelei des Niklaus. Von diesem freundlich empfangen, erzählte Ulrich [Bruder Ulrich] dem fragenden Niklaus davon, wie er die andauerenden Unannehmlichkeiten dieser schlüpfrigen Welt ertragen habe und nun eine fromme Sehnsucht die Ursache seine Kommens sei. Er habe das Verlangen gehabt, ihn zu sehen, und so sei er in dieses unwegsame, tiefe Tal gelangt. Noch nie habe er einen im Eremitenstand und in der Enthaltsamkeit so vollendeten Einsiedler gefunden. Durch Wälder, Forste und unwegsames Gebirge sei er gewandert und habe ihn gesucht, um bei ihm die Zuflucht für sein Leben und die Rettung seiner Seele zu finden. Eindrücklich sprach er davon, wie in der Welt alles so schlecht, traurig, verabscheuungswürdig, tierisch, blutig, barbarisch und teuflisch sei, ja wie die ganze Menschheit eine einzige Pest sei. Niklaus habe ihm darauf im Gespräch ein augenscheinliches Zeugnis seiner Tugend und ein Zeichen seiner Liebe erwiesen. Seine Bewunderung sei durch dessen Worte so sehr gestiegen, dass er bestätigte, unter all den Einsiedlern sei er allein derart milde, fromm, rechtschaffen und mit echtem Eremitengeist begabt.
  
Als Niklaus solche Reden hörte, bat er bescheiden, er solle doch solange er noch lebe, ihn nicht mit derartigen Lobesworten rühmen, sondern die Würdigung der Verdienste seiner Frömmigkeit bis nach dem Tode aufschieben, damit die Übertreibungen ihm, dem Lobenden, nicht schade und den Gelobten nicht verführe. Als Ulrich diese Mahnung hörte, versprach er, alle Härten des Einsiedlerlebens auf sich zu nehmen, mit der einzigen Ausnahme, dass er sich nicht von der menschlichen Speise enthielte. Da seine Natur bereits gegen den Abend hinneigte und das Greisenalter vorrückte, gewöhnte er sich gemäss alter Regel und altem Brauch der Einsiedler lediglich daran, von Wasser und Brot zu leben. Er sagte, dass Niklaus als der robustere zu grösseren eremitischen Tugendkämpfen vorherbestimmt sei. Auf dem oberen Ufer des genannten Wildbaches fand er einen zur göttlichen Beschaulichkeit geeigneten Ort, etwa eine halbe Meile von der Zelle des Niklaus entfernt. Dorthin begab er sich und baute zwischen den steilen Abhängen ein Bruderhäuschen. Ohne glänzende Wohnräume, ohne gedeckten Tisch, mit Schmutz bedeckt, schrecklich anzusehen, in armseligem Gewande, sonnengebräunt, ungekämmt und vernachlässigt, aber, weil er ja die Lust auf wohlschmeckende Speisen und allen blendenden Prunk dieser Welt überwunden hatte, frei von allen weltlichen Sorgen, mit dem Geringsten zufrieden, so lebt er dort schon seit einiger Zeit glücklich und Gott dienend bis zum heutigen Tag.
  
Doch beenden wir dieses Thema und kehren wieder zurück zur Ehrung des Niklaus, von der wir ausgegangen sind. Wir dürfen mit gutem Gewissen sagen, was wir glauben, dass nämlich der allerhöchste, mächtigste und alles vermögende Gott seine milden und gnadenreichen Blicke schon lange auf die starken Eidgenossen des grossen Bundes gerichtet hat. Er will sie auf die Fürbitte dieses frommen, seligen Waldbruders Niklaus von allen Gefahren, Unruhen und Süchten heilen, sie in diesem Bund erhalten und beschützen. Welchen anderen, stärkeren, andächtigeren, frömmeren und auf jedem Gebiet der Religion vortrefflicheren Fürsprecher konnten die Eidgenossen in den Burgunderkriegen, bei Grandson, in Murten und in anderern Feldzügen haben als diesen Niklaus? Es wäre bald mit unseren Eidgenossen zu Ende gegangen, wenn nicht die Gebete des Niklaus und anderer Frommen bei Gott Gehör gefunden hätten. Allgemein glaubt man, dass durch dessen glückliche Führung und kräftige Fürbitte allen unseren Eidgenossen ewiges Heil erwachsen ist, sofern sie seinem heilsamen Rat folgen, mit denen er sie zu Lebzeiten voll Güte ermahnte, sofern sie also ihr Staatswesen nicht mit Geschenken Fremder kaufen lassen, sofern sie nicht in Vernachlässigung der Ehre reine Machtpolitik betreiben und nicht leicht Bürger aufnehmen, die im Ausland in schlimme Machenschaften verstrickt sind, und sofern sie nicht leichtfertig mit den Nachbarn Kriege anfangen.
  
Auch andere gesunde und heilsame Zusprüche gab er ihnen. Er lehrte sie, Gott zu fürchten und seine Gebote zu halten, sich ganz auf die Predigten ihrer Priester zu stützen, auch wenn diese selbst ein schlechtes Beispiel geben, was er mit grossartigen und zierlichen Beispielen, Bildvergleichen und Gleichnissen zu erklären, zu bekräftigen und zu beleuchten versuchte. So sagte er einmal: Man könne aus dem einen und gleichen Brunnen, der verschiedene Röhren habe - nämlich bleierne, kupferne, silberne und goldene - nach Frische und Geschmack das gleiche Wasser trinken; auf die gleiche Weise geniesse man auch die gleiche Gnade von den Priestern, wenn sie am Altare das Sakrament der Eucharistie vollziehen, seien diese nun gute oder schlechte Priester. Hat er nicht ein solches Gleichnis auf der Schule des heiligen Geistes gelernt, wo er seine Güte, seine Lehre, seine Wissenschaft und alles, was zum Heile dient, mit grossem Eifer studiert hat?
  
Lernte er nicht auch auf dieser Hochschule des heiligen Geistes das Bild jenes Rades kennen, das er in seiner Zelle malen [abbilden] liess, in dem der klarste Spiegel der ganzen Gottheit erstrahlt? Drei aussen breit beginnende Strahlen heften dort von der Seite her ihre Spitzen in das göttliche Antlitz im innersten Kreis, von dem die drei stärkeren Wirkungen dieser Dreiheit entspringen: die Schöpfung, die Passion und die göttliche Verkündigung - aus dem Ohre, dem Auge und dem Mund des leuchtenden Gotteshauptes –, die so den Himmel und die Erde umfassen. Und wie die drei Personen in ihrer Macht die Spitzen jener Strahlen aussenden, so kehren sie in der gleichen Kraft breiter verlaufend zurück in den Spiegel der Gottheit. Durch das Wahrnehmen der spürbaren, bei uns erzielten Wirkungen und durch eifriges Nachdenken können wir zur Erkenntnis der unfassbaren Gottheit gelangen. Das zeigen die drei Strahlen an, die mit ihrem breiten Teil das göttliche Abbild berühren. Denn unser Verstand sucht auf dem breiteren Weg, d.h. mit Hilfe der sinnlichen Wahrnehmung nach dem Wesen der Gottheit, das einfach und scharf ist. Der äussere Teil der Strahlen aber ist wegen der Menschwerdung und der Erlösung breit und weit. Diese sowie andere Geheimnisse und verborgene Bedeutungen des Rades hat unser Einsiedler in seinem «Buch», d.h. in jenem Rad gelehrt. Er betrachtete in vortrefflicher Weise in zwei Strahlen, die mit der breiteren Seite das Gotteshaupt berühren, die Geheimnisse des Sakrament der Eucharistie sowie die Geburt Christi und das Wunder der unbefleckten Jungfrau und Mutter Maria, seiner innigsten Patronin, die vom strahlenden Abbild der Gottheit her durch die Überschattung des heiligen Geist empfangen hatte. Auf gleiche Weise zeigte unser Eremit mit dem dritten Strahl, der mit der breiten Seite das göttliche Antlitz berührt, wie unser kurzes und vergängliches Leben nach geringer Zeit die grössten, unendlichen, unaussprechlichen Freuden im Himmelreich erlangt. Weitere Deutungen überlasse ich jenen, die es besser verstehen.
  
Wie die Propheten, vom gleichen Meister belehrt, konnte unser Einsiedler sagen: «Ich habe mehr Einsicht als alle anderen, die mich lehren wollten.» (Ps 119,99) Nicht, weil ich im Überfluss üppiger Gastmähler lebte, nicht, weil ich mich bemühte die Superklugheit und Verschlagenheit der Welt zu ergründen, sondern weil mir dein heilsames Zeugnis zuteil wurde. Aber ach, wie wenige sind wir doch, die in der Lebensschule lernen, mit unseren auf Tatsachen ausgerichteten Erwartungen zufrieden zu sein. Wir machen Krieg, nicht um das Vaterland zu schützen, sondern um unsere Beutel zu füllen. Auswärts, in den fernsten Gegenden Italiens, Frankreichs und Deutschlands suchen wir unter grösster Gefahr und Risiko für Leib und Seele nur Gewinn und Sold. Alle, vom Kleinsten bis zum Grössten, fröhnen wir der Habsucht, genau wie es in den Worten des Hieronymus heisst: Ihr folget der Habgier.
  
Es ist in der Tat erstaunlich, dass noch so grosser Unverstand uns Eidgenossen beherrscht. Wir wurden vor allen anderen Germanenstämmen mit verehrungswürdigen Heiligtümern begnadet, die in deutschen Landen und bei anderen, fremden Nationen wegen ihrer vielen unerhörten Wunder berühmt sind: die unbefleckte Jungfrau von Einsiedeln im finstern Wald und in Büren [an der Aare], des Eucharistiesakraments in Ettiswil, des wunderbaren Blutes in Willisau, in St. Wolfgang bei Zug, in Thun oder St. Beat [vermutlich hatte Heinrich Gundelfingen diese Wallfahrtsorte als Pilger selber aufgesucht]. Es ist wahrlich Dummheit, wenn wir so erhabene und erfreuliche Wunder hören, auch über das Leben unseres seligen Niklaus, und nicht daran denken, solches zu fördern.
  
Das Leben des Niklaus schien nach der Meinung der Welt, die nur auf die Güter des Leibes und des Reichtums ausgerichtet ist, mühevoll und ruhelos. Aber in Bezug auf die seelischen Vergnügen, die in der Betrachtung göttlicher Dinge ihre Vollendung finden, war es verlockend. In seiner Zelle fanden sich nur Sack, Asche, Bussgürtel, die Einsamkeit - kein Gelächter - unerhörtes Fasten und ein Stein als Lager. Wenn sie auch leer war an Glanz und Bequemlichkeit, so war sie es auch an Störungen und Unruhen. Das Nötige gab es dort. Sobald der Tag anbrach - ja vor der Dämmerung - bemerktest du in der Zelle des Niklaus nichts von allem, was wir in unserer Welt im Hause sehen. Da schnarchen und räuspern sich die Hausbewohner und die Familie hinter verschlossenen Türen, alle liegen wir in todesähnlichem Schlaf. Der Hirt schüttelt die Glocke, aber Niklaus hat bereits den Schlaf verscheucht und ist bescheiden aufgestanden; auf die Knie hingeworfen, hat er bereits stundenlang seine Hände erhoben und fromme Gebete zu Gott gesandt. Denn er brauchte nicht, wie wir, Stunden, um das Gefühl von Schläfrigkeit und Müdigkeit loszuwerden. Wir leben ja nur in den Annehmlichkeiten des Körpers, und wenn wir uns vom Lager erheben, gähnen wir und dehnen den Körper. Dann suchen wir das geheime Örtchen auf, um die Notdurft zu verrichten. Anschliessend waschen wir Hände und Gesicht, ziehen dann Kleider und Schuhe an. Bis wir fertig sind, geht, wie wir aus Erfahrung wissen, viel Zeit verloren.
  
In der Zelle unseres Niklaus geschah nichts dergleichen. Er rief keinen Diener. Er brauchte nicht viele Kleider. Niemand musste ihm den Schlaf austreiben. Wenn er die Augen öffnete, hatte er dank seiner unerhörten Abstinenz das Gefühl, dass er lange und genug geschlafen hatte. Weil sein Magen nämlich durch keine Speise gefüllt und belastet wurde, brauchte er nicht lange Zeit, um aufzustehen, er erhob sich leicht. Sein Schlaf war im übrigen sanft und ohne wirre Träume, denn er sah um sich herum nicht so viele Schnarchende, Räuspernde und tief nach Luft Schnappende - aber sicher auch wegen seiner vorzüglich geschulten Mässigkeit. Er hatte nun schon achtzehn Jahre lang in völliger Nahrungslosigkeit verharrt. Darum war er zweifellos ein Heiliger und den Engeln gleich. Obwohl seine Heiligkeit so gross war, drängte es ihn doch, den schläfrigen Gei st in einen kurzen, tiefen Schlummer zu tauchen, damit er völlig ausruhen konnte. Seine Träume waren frei von lügnerischen und schrecklichen Bildern und allerlei Täuschungen. Aufgewacht konnte er sich darum sofort auf die Knie werfen, von einer Süssigkeit getragen und von der göttlichen Liebe erfüllt, sandte er seine Gebete zum Herrn empor. Während wir also noch gähnen und wegen der Müdigkeit noch unbeweglich sind, noch schnarchen und noch räuspern, ja uns gerne nochmals zur Wand hin umdrehen und uns noch bei allerlei Wahnbildern aufhalten, betete jener und betrachtete göttliche Dinge. Was uns Mühe bereitet, das war ihm stille Freude. Wenn dann aber die Tageshelle da war, wenn wir Weltmenschen auf den Markt gerufen werden, um mit anderen zu handeln und abzurechnen, andere aber zur Kirche gehen, ihre Kunst oder ihr Handwerk aufnehmen oder gar angsterfüllt vor ihrem Tagewerk stehen, hat Niklaus längst die Matutin und die Laudes mit allen Gebeten begonnen, sich der Betrachtung zugewendet und die Gebete von Prim, Terz, Sext, Non und Vesper verrichtet, wodurch er in den einzelnen Stufen des vierteiligen Tages Gott mit verschiedenen Lobgebeten und Betrachtungen ehrte. Während wir also essen und trinken, während wir ausgelassen sind und uns der von vielen Speisen aufgeblähte Bauch fast zerberstet, widmet sich Niklaus dem Gebet. Er brauchte ja keine Zeit für die Mahlzeiten, und er genoss keine Leckereien vor der Nachtruhe. In solchen Lobgebeten hielt sich Niklaus auf. Wir Weltleute aber schlafen oft tagsüber und sind dafür nachts schlaflos. Darum wird unser Niklaus nicht zu Unrecht ein Sohn des Lichts genannt, weil er ja in der Zeit, die wir zum grösseren Teil vergeuden und wegen den Speisen bedrückt und ermattet verbringen, sich jeglicher Nahrung enthält, nüchtern bleibt und im Gebet vertieft ist. Wenn aber der Abend wiederkam, wenn wir noch etwas Musse treiben und um die Wette zu den Bädern eilen, ruhte er sich kurz von den Gebeten und Betrachtungen aus, legt sich auf einen Stein und ein Brett, das allein zum Ausruhen und nicht der Bequemlichkeit diente.
  
Bei ihm herrschte kein Schrecken, auch keine knechtische Furcht wie noch zu jener Zeit, als er Ratsherr von Unterwalden und in viele Rechtsfälle und Geschäfte verstrickt war. Wie sehr dieses Amt dem Heil seiner Seele entgegenstand und für ihn zur Gefahr wurde, hatte niemand besser eingesehen als er selbst. Darum zog er sich ja aus der Welt zurück und ging in die Einsamkeit, nicht um einen Grossen zu spielen, sondern nur um in den Himmel zu kommen. Denn ohne Zweifel scheint es, dass Christus ihm den Preis wert war, für ihn wollte er als Einsiedler leben und sterben. In seiner Zelle waren darum nur Töne des Frohlockens zu hören, kein Seufzen und Wehklagen, solche Trauer war ihm fremd.
  
Unser Niklaus ist freilich gestorben, da er ja dem Körper nach nicht unsterblich war. Aber wir betrachten seinen Tod nicht als Tod, er ist nicht gestorben, denn wir haben ihn vorausgesandt, wir glauben, dass er uns als Fürsprecher vor Gott vorausgegangen ist. Wenn uns auch gesagt wurde, dass er gestorben sei, so dürfen wir trotzdem mit Jubel und mit höchster Freude es wagen, ihn nicht für tot zu halten, ja wir müssen sagen, dass sein irdisches Leben zur Vollendung gelangt ist. Alle zusammen sollten wir uns ein solches Lebensende wünschen, um auf diese Weise den Mühsalen dieser Welt zu entrinnen, vom Kampf der Arbeit auszuruhen und dann Christus selber anzuschauen. Wahrlich, wenn unser Einsiedler vor seinem Tode bisweilen krank war, so hatte diese Krankheit ihn nicht wegen eines Rausches oder wegen zu starker Überlastung des Magens befallen, und die Krankheit war nicht seiner Schuld zuzuschreiben, sondern darauf zurückzuführen, dass er durch übertriebene Nachtwachen und durch vollständige Enthaltsamkeit kraftlos geworden war. Darum sind seine Leiden auch leicht geheilt worden, als er diesen Übeln durch den Tod entgehen und aufhören konnte, sich auf solche Weise zu quälen und zu erschöpfen.
    
  
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