Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Quellen - Bruder Klausund Dorothea
  
  
Die Biographie von Heinrich Wölflin
  
Quelle Nr. 072

  

  
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Zeit: um 1501
  
Herkunft: Lateinischer Text, Neapel, Bibliotheca Nazionale (aus Sachseln stammende Handschrift von Heinrich Wölflin), Sammelhandschrift über Bruder Klaus (für den Prozess nach Rom gesandt und dann verschollen), Signatur: XIII AA. 35, fol 12r–38v (alte Seitenzählung 1–54). – Diese verschollene Handschrift wurde 1948 von Pater Thomas Käppeli OP in der Staatsbibliothek in Neapel wiedergefunden. Sie enthält jüngere Korrekturen und Zusätze (Anmerkungen zwischen den Zeilen und am Rand), meistens von der Hand Eichhorns. Johann Joachim Eichhorn machte – nach 1600 – auch mindestens drei Abschrften davon, wovon die letzte 1608 als Vorlage für den Buchdruck diente. Die älteste Abschrift wurde jedoch viel früher, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, durch den Ranftkaplan, Sebastian Rhaetus, angefertigt – erst 1980 in der Zentralbibliothek Solotthurn wiederentdeckt (Sign. S 630, fol. 11–25). Rhaetus übersetzte 1521 auch Teile der Urschrift als deutsche Kurzfassung (Quelle 221). Das Autograph (Urschrift) befand sich seinerzeit höchstwahrscheinlich immer im Besitz des Ranftkaplans. Mehr über die Geschichte der Textvarianten finden wir bei Rupert Amschwand, Ergänzungsband, 119–120
  
Kommentar: Der Berner Gelehrte Heinrich Wölflin (Magister Artium, nicht «Magistrat», heute, nach der Bologna Reform würde man sagen: Master of Arts) erhielt um 1493 von der Regierung Obwaldens den Auftrag, über das Leben des Einsiedlers Nikolaus [Niklaus] eine Biographie, bzw. Quellensammlung für die Kanonisationsbemühungen, auszuarbeiten. Er kannte Bruder Klaus allerdings nicht persönlich. So musste er Nachforschungen anstellen und die Zeitgenossen, vor allem in der engeren Heimat, befragen. Eine wesentliche Stütze der Arbeit Wölflins, die er 1501 abschloss, war das Sachsler Kirchenbuch (1488, siehe Quelle 053), in dem bereits wichtige und unmittelbare Zeugenaussagen vorlagen. Wölflin ergänzte jedoch noch mit eigenen Recherchen bei Zeitzeugen, was allerdings nicht nur zu zweifelsfreien Ergebnissen führte. Zwei Visionen in Wölflins Schrift (Brunnenvision und Vison des Greisen) sind denen im Vionsbericht Caspar am Büels dem Inhalt nach ähnlich, beide Schriften basieren aber auf verschiedenen mündlichen Überlieferungen (verschiedene Familienmitglieder). – Für den Buchdruck war diese Arbeit nicht vorgesehen. Angesichts der Vorleistungen anderer biografisch tätigen Autoren wie Waldheim (Quelle 009), von Bonstetten (Quelle 015) und Gundelfingen (Quelle 052) bei Wölflin nun von der «ältesten» Biografie zu sprechen, ist wohl überzogen. Mit Superlativen sollte man ohnehin immer etwas zurückhaltend sein.
  
Wölflins Arbeitsstil wirkt stellenweise reichlich theatralisch, er dramatisiert gerne. Rätselhaft wirkt der Schluss der Biographie, wo er einen Boten zur hinterbliebenen Ehefrau Dorothea eilen und ihr sagen lässt, er habe Bruder Klaus gesehen, oben auf der Flüelianhöhe, mit einer Fahne in der Hand, in der die Bärentatze abgebildet sei. – Erstmals wird übrigens in einem biographischen Bericht über Bruder Klaus auch dessen Frau Dorothea namentlich genannt (bei Waldheim und Gundelfingen nur ohne Namen). – Die Bärentatze (Bärenklaue) ist zu einem Attribut des heiligen Mannes geworden. Dies sicher zu Recht. Doch andere, mündliche Quellen, so etwa in der Familie des späteren Landammanns und wahrscheinlichen Nachkommens von Bruder Klaus, Johann Rosacher (Sarner Prozess-Protokoll 1591, Quelle 301), geben das Ereignis anders wieder: Dorothea erlebte dort die Vision ihres Ehemannes mit dem Emblem der Bärentatze selbst. Rein psychologisch ist diese Version Rosachers glaubwürdiger, denn offensichtlich handelt es sich hier nicht um eine äussere Wahrnehmung, sondern um ein stilles Geschehen im Herzen liebender Menschen, um eine innere Schau – vielleicht eine Traumvision (eine Imagination). Wölflin übertreibt hier in einem theatralischen, humanistischen Stil, da in den griechischen Tragödien jeweils Hermes die Botschaften beflügelt, von Herz zu Herz.
  
Danebst beschreibt Wölflin noch weitere Visionen (Imaginationen) von Bruder Klaus, einige von ihnen beziehen sich auf Gottes Dreieinigkeit, auch diejenige vom Besuch der drei Edelleute (§17), die etwas an ein Erlebnis von Abraham (Vater der Aramäer) erinnert: Jahwe in Gestalt dreier Männer bei den Eichen von Mamre (Gen 18,1–3), Abraham redet diese jedoch in der Einzahl an, «Mein Herr», und zu ihm spricht auch nur einer. – Etwas seltsam könnte die vorausgehende Vision anmuten, in der ein singender Greis vorkommt (§14). Wölflin, der Humanist, der virtuos mit der lateinischen Sprache umgehen kann, verwendet das Wort «senex», das meistens «Greis» bedeutet, aber hier eher nicht. Spanisch damit verwandt ist die Anrede «Señor», französisch: «Seigneur», also: Herr. Daneben hat es auch noch die Bedeutung von «Läufer, bzw. «Bote» – und ein Bote war ja eher nicht alt und schwach. Und Gott immer als alten Mann mit weissem Bart darzustellen, ist hier nicht so passend.
  
In seinem eigenen Hang zur dramatischen Ausschmückung fügt Wölflin den historischen Tatsachen etwas hinzu, das zu Missverständnissen Anlass geben kann: Die «Schreckensvision» (in §35) mit dem menschlichen Antlitz veranlasste später Carolus Bovillus (Quelle 201) zu einer Missdeutung einer Kopie des Meditationsbildes von Bruder Klaus in der Ranftzelle, damit wurde ein folgenschwerer und lange andauernder Irrtum in Gang gesetzt. Das gemalte Tuch wurde später sogar nach Trient gebracht, um es auf den Haresieverdacht hin zu untersuchen – eben gerade wegen den Gerüchten betreffend «Schreckensvision» und «Radvision» –, es kehrte erst 1608 wieder nach Obwalden zurück (vgl. Quelle 247). Spätere Übersetzer der lateinischen Vita Wölflins, 1521 der Ranftkaplan Sebastian Rhaetus (Quelle 221 §28) und 1535 der Luzerner Gerichtsschreiber Hans Salat (Quelle 233), gehen jedenfalls mit keinem Wort auf diese «Schreckensvision» ein, sie lassen diese Schilderung als zu wenig historisch verlässlich weg. Dies lässt den Schluss zu, dass auch hier Wölflin in humanistisch-theatralischer Weise übertreibt – mit dem δείμα πανικόν (deîma panikón, panischer Schrecken). Seine Schilderung basiert ebenso auf einer Interpretation (bzw. Missdeutung) einer Kopie des farbigen Meditiationsbildes, ebenso wie die spätere von Bovillus. Zudem will Wölflin hier offensichtlich eine Parallele zum Bekehrungserlebnis des Saulus zum Paulus (Apg 9,3–4) einfügen. – Wenn jedoch ein fremder Besucher das Meditationsbild oder seine spätere, schlechte Kopie gesehen hatte – in enem engen schlecht beleuchteten Raum –, hätte er, der Besucher, danach in einer vorübergehenden Bewusstseinsveränderung (Fieberfantasie etc.) etwas Derartiges sehen können (vgl. die Abbildung in: Das Gleichnis des Rades, 2. Teil, unten).
  
Diese Arbeit Heinrich Wölflins ist nicht in allen Einzelheuten zu 100 Prozent zuverlässig. Die bisweilen der Biografie zugeordneten Prädikate, «erste» und «offizielle», sind jedenfalls relativ zu werten und nur wenig von Bedeutung. Vorlagen für die Arbeit Wölflins waren das Sachsler Kirchenbuch sowie mündliche Überlieferungen in Sachseln sowie leider auch Gerüchte. Bei letzteren eskaliert meistens das Überinterpretieren. Jedenfalls ist die Behauptung zweifellos falsch: Die Unterwaldner hätten den Weihbischof Thomas herbeigerufen, um das Wunderfasten des Eremiten zu prüfen (§26). Wölflin konnte aber das offizielle Dokument des Diözesanbischof, Herman von Breitenlandenberg, nicht kennen, durch welches der Weihbischof (und zugleich Generalvikar) den Befehl erhielt, die Sachlage ernsthaft zu prüfen, wobei der Diözesanbischof ihm die Wahl der geeigneten Mittel überlässt – Ausführung am 27. April 1469 (Quelle 004,a). Erst weiter unten im Text lässt Wölflin den Weihbischof die wahre Rechtslage erklären.
  
Nachdem Bruder Klaus gestorben war, sei er «zum Tempel Gottes» getragen worden. Wie ist dieses Begräbnis genauer zu lokalisieren? In der Kirche oder ausserhalb, auf dem Friedhof, vielleicht an der Aussenwand der Kirche? Erst später schreibt ein damaliger Augenzeuge: in der Kirche (Quelle 218)
  
Der eigentlichen Biographie geht eine Widmung und ein Lobgesang auf den Walliser Kardinal Matthäus Schiner voraus, der den Bau der Unteren Ranftkapelle wesentlich mittrug; es folgt eine historische und geographische Beschreibung von Helvetien und Unterwalden (diese Teile werden hier weggelassen).
  
Heinrich Wölflin genoss eine volle humanistische Bildung, das zeigt sich im Gebrauch der altgriechischen Sprache: so finden wir im lateinischen Text auch dieses «Fremdwort»: elemosyna (ελεημοσύνη), das «Erbarmen», «Mitleiden» und «Barmherzigkeit», bzw. eben auch «Werke der Barmherzigkeit» bedeuten kann – fälschlicherweise wird es auch wegen der Wortverwandtschaft als «Almosen» wiedergegeben, was jedoch die Sinnspitze hier etwas verfehlt. Dieses Mitleiden, das erbarmende Herz, sei das höchste Werk der Frömmigkeit. Dieser Hinweis steht dem Hauptthema im sogenannten «Pilgertraktat» (Quelle 048) sehr nahe. Für Bruder Klaus war es ein Mitleiden mit Jesus in seiner Passion aber auch mit der geschundenen menschlichen Kreatur allgemein.
  
Das Epitaph in der Solothurner Handschrift (S. 630), im Anschluss an die Abschrift von Heinrich Wölflins Vita, stammt höchstwahrscheinlich von Sebastian Rheatus (Quelle 282).
  
Zu den Abbildungen siehe unten.
  
Referenz: Rupert Amschwand, Ergänzungsband, 127–145, 149–150 (Epilog) – hier aus dem Lateinischen übersetzt von Werner T. Huber.

  

  

Und er erkannte:
Die Barmherzigkeit ist die höchste Tugend.

[Vorrede – §1 Geographie der Schweiz – §2 Geographische Beschreibung von Unterwalden]
  
§3 Die Familie, die Eltern und die Geburt des Niklaus sowie Ursprung und Namen der Familie:
Im oberen Teil Unterwaldens war die Familie, die bis zum heutigen Tag nach dem Berg, auf dem sie wohnte und ihre Herden weidete, den Namen «Flüher» oder «von Flüe» trug, angesehener und frömmer als alle anderen. Sie glänzte während vierhundert Jahren mehr durch gute Sitten als durch Reichtümer. Das Leben dieser Familie, die ausser dem Ackerbau und der Viehzucht keinen Erwerb hatte, war schlicht und sparsam. Niemandem zu schaden, allen gegenüber dienstbar zu sein, dazu allein war sie bestrebt und dazu, was ein Zeichen künftigen Geschehens war, dem Gebet und dem Gottesdienst mehr als allem anderen Aufmerksamkeit zu schenken. Aus diesem Stamme ging durch den Vater, Heinrich von Flüe, und die Mutter, Hemma Roberta, im Jahre 1417 nach der Geburt des Herrn unser Niklaus hervor, von dem nachfolgend die Rede ist.
  
§4 Von ihm im Mutterleib erfahrene Visionen:
Als er noch im Mutterleib eingehüllt war, sah er einen Stern am Himmel, der alle anderen an Helligkeit überragte. Von seinen Strahlen wurde der ganze Erdkreis erleuchtet. Er erzählte später, dass er in der Einöde oft einen ähnlichen Stern bemerkte, so dass er glaube, es sei der gleiche, den er im Mutterleib erblickte. Er erkannte [damals im Mutterleib] auch einen gewaltigen Felsen [Stein] und das heilige Öl, mit dem die Christgläubigen gesalbt werden. All dies enthüllte der Einsiedler in schlichter Rede einem vertrauten Priester und versicherte ohne Prahlerei, dass sich dies auf sein zukünftiges Leben bezogen hätte.
  
§5 Wundersame Begebenheit nach der Geburt bei der Taufe und Namengebung:
Er fügte auch hinzu, sogleich bei der Geburt habe er Mutter und Hebamme klar erkannt, und er habe gesehen, wie er durch die felsige Gegend, in welcher er das Leben vollendete, nach Kerns zur Taufe getragen wurde, und dies alles habe er im Gedächtnis behalten, als wenn es sich im reiferen Alter zugetragen hätte. Den taufenden Priester und die Paten beiderlei Geschlechts habe er später erkannt, ohne dass man sie ihm vorstellen musste. Nur ein Greis, der bei den Umstehenden war, der sei ihm völlig fremd gewesen. Dem Täufling wurde damals der Name «Niklaus» [der Name ist griechisch] gegeben – sicher nicht ohne höhere Fügung, denn er war aus dem grossen Volke der Sieger über die habgierige Welt mit ihren Anhängern.
  
§6 Seine Kindheit und Jugendzeit:
Von früher Jugend an war er das bravste Kind, mit den besten Tugenden ausgestattet. Treu bewahrte er die Traditionen der Väter und die Lehre seiner Ahnen. Er war vor allem wahrheitsliebend, gegenüber andern liebevoll und mildtätig. Übermut und Leichtsinn, wie man es meistens bei der Jugend gewohnt ist, fand man bei ihm nicht. Alle alten Leute ehrte er mit lernwilliger Folgsamkeit. Seine Altersgenossen ermahnte er, Gott zu dienen, besonders seine eigenen Brüder und Schwestern, mit denen er immer einmütig lebte. Niemandem war er unbeliebt oder gar verhasst ausser jenen, die Unrecht taten. Und wenn für alle nach getaner Arbeit auf Äckern und Wiesen jeweils die Zeit für die Heimkehr kam, folgte er meistens allein nach und schlich sich allmählich von der Schar weg, so dass es die Vorwärtsgehenden nicht bemerken konnten oder auch nicht wollten. Dann suchte er einen heimlichen Ort für das Gebet. Erst wenn er dem Schöpfer seinen Dank gesprochen hatte, ging er gemächlich nach Hause.
  
§7 Fasten und Enthaltsamkeit:
Mit zunehmenden Jahren seiner Jugend begann er schon, sich immer mehr in frommen Werken zu üben, so dass er noch als unmündiges Kind alle Freitage und bald sogar viermal wöchentlich seinen Leib durch Fasten abhärtete. Die vierzigtätige Fastenzeit verlebte er unauffällig so, dass er täglich nur einen kleinen Bissen Brot und ein paar gedörrte Birnen ass, die man damals bei ihnen für Leckerbissen hielt. Und wenn er von anderen wegen dieser grossen Strenge getadelt wurde, die doch für sein Alter noch nicht für geeignet schien, antwortete er, es gefalle so dem göttlichen Willen.
  
§8 Eheschliessung und Geburt der Kinder: Als er aus dem Jünglingsalter in die Zeit der Reife kam, wurde er durch das Sakrament der Ehe mit einer gewissen ehrbaren Jungfrau Dorothea vermählt, nicht aus Zufall oder wegen der gemeinen Sinneslust, sondern er erkannte es als göttliche Anordnung. Indem sie die eheliche Treue niemals, auch nicht durch ein einziges unbedachtes Wort, verletzten, wurden ihnen zehn Kinder geschenkt, das heisst fünf Knaben und ebensoviele Mädchen. So mehrte sich durch diese neuen Sprösslinge ihres alten Stammes die Gemeinschaft der Gläubigen. Auch in der Gottesfurcht wurden sie voll Güte vom Vater unterrichtet, so suchten sie ihm in allem nachzueifern.
  
§9 Kriegsdienste:
Niklaus nahm nie am Krieg teil, ausser auf Befehl der Oberen [des Souveräns: Rat und Volk]. Er war der grösste Freund des Friedens. Wo es aber für das Vaterland zu kämpfen galt, wollte er nicht, dass die Feinde wegen seiner Untätigkeit unverschämt prahlen konnten. Sobald aber deren Kräfte zusammengebrochen und überwunden waren, mahnte er nachdrücklich zur Schonung.
  
§10 Ämter und Ehren:
Die weltlichen Ehren hielt er für eitel und wertlos, dies in so grossem Masse, dass er es nur mit eindringlichen Bitten erreichen konnte, nicht mit öffentlichen Angelegenheiten und Ratsgeschäften belastet zu werden. Am meisten aber scheute er vor dem höchsten Ehrenamt in der Republik [Amt des Landammanns] zurück, das er bereits in jüngeren Jahren mehrmals mit allgemeiner Zustimmung erhalten hätte, wenn er sich nicht mit allen Kräften dagegengestellt hätte.
  
§11 Das nächtliche Beten:
Dafür pflegte er dies eine unermüdlich zu tun: Nachts, wenn die Familie zur Ruhe gegangen war und alles schlief, unterbrach er seinen Schlaf, stand in aller Heimlichkeit auf und verbrachte den Rest der Nacht in inniger Betrachtung und beharrlichem Gebet.
  
§12 Das Erleiden von Versuchungen durch den Teufel und der Kampf:
Der böse Feind des menschlichen Heils sah neidisch diese Frömmigkeit, in welcher der Gottesmann durch häufige Werke des Betens, des Fastens und der Barmherzigkeit seine Zeit verbrachte. Er befürchtete, sein Beispiel und seine Lehre könnten viele dem Höllenschlund entreissen. Darum belästigte er ihn immer wieder, wann und wo er nur konnte, mit seiner Hinterlist, besonders als er einmal in Begleitung seines Sohnes Hans [Hans von Flüe] durch seine Alpweiden im Melchtal ging, um das Vieh zu versorgen. Dieses Tal lag zwischen hohen, abschüssigen Felsen und wurde unten von der Melchaa in gekrümmtem Lauf umspült, von ihr erhielt es seinen Namen. Hier sammelte der Sohn Futter, während der Vater die aufschiessenden Dornen und Brombeersträucher aushauen wollte. Da erschien plötzlich der garstige Feind und warf ihn [Niklaus] rückwärts etwa dreissig Schritte weit hinab in scharfe, schreckliche Dornen. Als es der Sohn bemerkte, suchte er seinen Vater. Er fand ihn ohnmächtig und am ganzen Körpern von den Stacheln verwundet. Auf den Schultern trug er ihn zum Feuer in einem nahen Stall. Als er dort allmählich wieder zu sich kam, sprach er noch halb ohnmächtig: «Nun denn, in Gottes Namen, wie hart hat mich der Teufel geworfen. Aber es ist Gottes Wille!»
  
§13 Eine Lilie wächst aus seinem Mund [Lilienvision]:
Er hätte wahrlich nichts Geduldigeres und Trefflicheres sagen können. Denn die Vorsehung Gottes pflegt gerade jene, die er am meisten liebt, nicht selten den heftigsten Stürmen auszusetzen, um sie dadurch zu läutern und anschliessend um so reicher zu trösten. Dies zeigt auch das folgende Ereignis. Als er nämlich ein andermal das Vieh versorgen wollte und auf die Wiese kam, setzte er sich auf die Erde und begann in seiner Weise aus innerstem Herzen zu beten und sich in die himmlischen Betrachtungen zu vertiefen. Plötzlich sah er aus seinem Mund eine weisse Lilie mit wunderbarem Wohlgeruch hervorspriessen, die bald bis zum Himmel reichte. Dann ging sein Vieh an ihm vorüber, aus dessen Ertrag er für die Familie sorgte. Er senkte eine Weile seinen Blick. Sein Auge blieb fest auf ein Pferd gerichtet, das schöner war als alle anderen. Jetzt sah er, wie sich die Lilie aus seinem Munde über diesem Pferd niederbeugte und von dem Tier im Vorübergehen verschlungen wurde. Durch diese Vision wurde er belehrt. Er erkannte, dass der im Himmel zu erwerbende Schatz keineswegs denen zufällt, welche den Gütern des Glücks nachjagen, und weiter, dass er wie der Samen des Gotteswortes unter den Dornen erstickt, wenn sich die Sorgen und Interessen des irdischen Lebens damit vermischen.
  
§14 Im Geiste zu einer Vision weggeführt [Vision vom singenden Greis (?), bzw. Pilger – bzw. Herrn]
Später hatte er in seinem erweiterten Bewusstsein (per mentis excessum) noch eine andere Vision. Er wanderte durch eine einsame Gegend (loca deserta), weit entfernt von jeder menschlichen Siedlung. Von weitem sah er einen Herrn [senex bedeutet hier: señor, segneur, also: Herr und nicht Greis, vgl. oben im Kommentar] mit ehrwürdigem Aussehen und schicklichem [anmutigem] Gewand entgegenkommen, der so liebliche Lieder sang, welche einstimmig begannen und sich dann in drei Stimmen kunstgerecht aufteilten und wieder in eine einzige Stimme zurückkehrten. Dies alles klang in seinen Ohren in so wundersüsser Harmonie. Im Geiste dies betrachtend, war er überzeugt, dass er durch diese Erscheinung in einem schlichten Gleichnis über die ungeteilte, sich in drei wunderbar zusammenstimmenden Personen unterscheidende Gottheit belehrt wurde. Als der Herr näher trat, bat er um eine Gabe. Und nachdem er die Gabe von Niklaus empfangen hatte, verdankte er es ihm mit grösster Ehrerbietung. Doch plötzlich verschwand er. Dadurch wurde er noch mehr belehrt, dass nämlich von den Werken der Frömmigkeit die der Barmherzigkeit [im Originaltext, griechisch: elemosyna (ελεημοσύνη), das Erbarmen, das Mitleiden – auch: Werke der Barmherzigkeit] den ersten Rang beanspruchen.
  
§15 Eine weitere der Frühvisionen [Die Brunnenvision]:
In dieser Vision wanderte er weiter und gelangte an einen Ort, der aus wenigen Häusern bestand, aber durch einen herrausragenden Palast geschmückt war. Er trat in diesen Palast ein und gelangte zu einer Treppe von zehn Stufen. Unter ihr sah er einen Brunnen aus Öl, Wein und Honig gemischt hervorfliessen. Zugleich hörte er eine Stimme erschallen, welche verkündete: «Die Dürstenden sollen das Nass aus diesem Brunnen schöpfen.» (Jes 55,1; Joh 7,37) Erschüttert und erstaunt zugleich, wunderte es ihn, den Ursprung dieses ungewöhnlichen Flusses zu sehen und die Stufen hinaufzusteigen. Er fand eine Art Becken mit der gleichen Flüssigkeit gefüllt. Aber woher, aus welchen Höhlen sie floss, konnte er nicht in Erfahrung bringen. So wurde der Gottesmann noch stärker in das Geheimnis der göttlichen Dreifaltigkeit eingeweiht. Er erkannte, wie sie durch keine Grenzen eingeengt wird, wie sie sich den Dürstenden masslos mitteilt und wie man ohne die Stufen der zehn Gebote auch nicht zum geringsten Erkennen der Gottheit gelangen kann. Wie wenigen solches gelingt, zeigte der geringe Andrang bei jenem Brunnen.
  
§16 Die andere Seite der Vision [Fortsetzung der Brunnenvision]:
Nachdem er eine kurze Zeit hier fröhlich verweilt hatte, ging er auf ein weites Feld hinaus. auf dem es von einer grossen Menschenmasse wimmelte. Wie Ameisen, im Eifer für Gewinn und weltlichem Reichtum, liefen sie durcheinander. Die einen hatten einen Zaun errichtet und liessen niemand ohne Zollabgabe durch. Andere hatten über einen Fluss eine Brücke gebaut und verlangten von den Reisenden das Brückengeld. Wieder andere standen mit Flöten, Pauken und anderen Musikinstrumenten bereit, begannen aber nicht zu spielen, bevor ihnen nicht im voraus der Lohn bezahlt wurde. Das ist die Bedeutung der menschlichen Nichtigkeiten für die Seele, wie er erkannte. Beinahe alle auf der weiten Welt suchen nach ihrem eigenen und bloss vorübergehenden Vorteil und werden dadurch abgehalten, zum Brunnen hinzugehen, stattdessen gehen sie in ihr Verderben.
  
§17 Die Erscheinung der drei Männer [Vision der drei Männer und Fahne mit der Bärentatze]:
Nicht zu übergehen ist ausserdem folgendes Geschehen. Während er gerade mit häuslichen Aufgaben beschäftigt war, kamen drei wohlgestaltete Herren zu ihm, die in ihrer Kleidung und in ihren Gesten eine adlige Herkunft verrieten. Der erste begann in folgender Weise zu sprechen: «Niklaus, willst du dich mit Geist und Leib ganz in unsere Gewalt geben?» Jener antwortete sofort: «Ich ergebe mich niemandem, ausser dem allmächtigen Gott, dessen Diener ich mit Seele und Leib zu sein wünsche.» Nach dieser Antwort wandten sie sich ab und brachen in ein fröhliches Lachen aus. Und wiederum auf ihn zugehend, sprach der erste: «Wenn du allein Gott die ewige Dienerschaft gelobt hast, so versichere ich dir, im Alter von siebzig Jahren wird sich der gütigste Gott deiner erbarmen wegen all deiner Mühen, und er wird dich von allen Beschwerden erlösen. Darum ermahne ich dich zur beharrlichen Ausdauer. Dann werde ich dir im ewigen Leben die Bärentatze und die Fahne des starken Heeres geben. Das Kreuz aber, das dich an uns erinnern soll, lasse ich dir zurück.» Hierauf entfernten sie sich. In diesen Worten erkannte er, dass er, wenn er in den vielfältigen Stürmen der Versuchungen tapfer standhält, in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wird, gefolgt von einer grossen Heerschar.
  
§18 Eine Wolke am Himmel belehrt ihn [Vision der Wolke]:
Auch dies entbehrt nicht der Glaubwürdigkeit: Er ging einmal auf die Wiese um zu heuen. Während er sich dorthin begab, rief er andächtig die göttliche Gnade an. Da antwortete ihm eine herabschwebende Wolke, er handle töricht, wenn er sich auf die eigene Kraft stütze und sich damit unfreiwillig dem göttlichen Willen unterwerfe, Gott habe nichts lieber als freiwillige Hingabe. Durch diese Stimme gewarnt, begann er die häuslichen Dinge, um die er sich bisher so sehr bemühte, für geringer zu achten und stattdessen die himmlischen um so aufmerksamer zu lieben.
  
§19 Die Beratung mit seiner Ehefrau:
Als seine Frömmigkeit so von Tag zu Tag immer mehr zunahm, wurde er durch die Führung der göttlichen Gnade dahin geleitet, dass ihm als berufener Gottesfreund der ganze Erdkreis zur Wohnstätte nicht mehr zu genügen schien. Darum teilte er seiner geliebten Ehefrau – sie war gleichsam seine treue Beraterin –, sein Vorhaben mit. Weil ihm die Verlockungen dieser Welt nichts mehr bedeuten würden, habe er sich entschlossen, einen geeigneten Ort in der Einsamkeit ausschliesslich für die geistliche Betrachtung zu suchen. Da er hierfür ihre Erlaubnis brauchte, gab er sich die grösste Mühe, sie zu überreden, was aber lange umsonst war, weil die familiären Sorgen überwiegten. Dabei fühlte er deutlich, wie sein ganzes momentanes Leben dem Gelübde zur Abkehr von der Welt nicht entsprach. Als er sie immer öfter um ihre Zustimmung bat, gab sie – zwar ungern – den beschwerlichen Bitten nach.
  
§20 Das Verlassen der Heimat:
Durch diese Übereinstimmung mit seiner Ehefrau fröhlicher geworden, fing er an, für sein Vorhaben einen geeigneten Ort zu suchen. Da fiel ihm ein, wenn er dies in seiner Heimat ausführen wollte, könnten neidische Verleumdungen leicht seinem Entschlusse den Charakter heuchlerischer Prahlerei beimessen. Nachdem er Frau und Kinder und das ganze Hauswesen verlassen hatte, machte er sich zur weiten Reise auf, um nicht nur ausserhalb seiner engeren Heimat, sondern auch ausserhalb der Grenzen der Schweiz überhaupt, in ferner Fremde, eine Unterkunft zu suchen. Als er den Gebirgszug des Jura überschritten hatte, der die Helvetier von den Sequanern trennt, gelangte er nach Liestal, dem ersten Sequanerstädtchen nahe dem Rhein und unweit der Stadt Basel, – die allerdings in unsern Tagen, d.h. 1501, den Schweizern auf ewig, als neunter Ort der Eidgenossenschaft angegliedert wurde, nicht weniger zu ihrem Ruhme, als noch mehr zum Nutzen von allen Verbündeten, und die nun als deren mächtiges Vorwerk herrlich dasteht. Dort wandte er sich einem Nachbardorfe zu, wo er mit einem Bauern ins Gespräch kam und ihm die Ursache seiner Pilgerschaft mitteilte. Dieser billigte das Vorhaben als fromm und gerecht, versicherte aber, dass die Ausführung weniger gut überlegt worden sei, und zwar aus dem wichtigen Grunde, dass er aus der Eidgenossenschaft stamme, die den andern Nationen nicht wenig verhasst sei. Weit besser und sicherer wäre es darum, sich in der Heimat nach einem Zufluchtsort umzusehen, als von Fremden für einen Flüchtling gehalten zu werden.
  
§21 Der Entschluss zur Heimkehr wird durch die nächtliche Erscheinung des Lichtstrahls gefestigt [Erlebnis bei Liestal]:
Durch diese überzeugenden Gründe unsicher geworden, verliess er noch am selben Abend den Bauern und übernachtete auf einem nahen Felde unter einer Hecke. Als er kurze Zeit geschlummert hatte, umleuchtete plötzlich ein Strahl vom Himmel den Mann, der dabei einen solchen Schmerz empfand, als ob ihm mit einem Messer der Leib aufgeschnitten und er von einem Seil gezogen würde. Dies mahnte ihn, in die Heimat zurückzukehren. Beim Morgengrauen zog er weg und nahm den Weg unter seine Füsse, dorthin, woher er gekommen war. Aber er vermied es, sich in der Nähe der vertrauten Dinge aufzuhalten, denen er bei seinem Wegzug ganz abgeschworen hatte, und so ging er direkten Schrittes in sein Gut im Melchtal [Chlisterli, Klisterli] und verweilte dort in einem dichten Dornengestrüpp acht Tage lang ohne Speise und Trank, ohne dass jemand von ihm wusste.
  
§22 Vom Bruder gefunden und bedrängt – der Ort des Bleibens wird vom Himmel angezeigt:
Dort wurde er schliesslich zufällig von Jägern entdeckt, die einer Wildspur folgten. Sie berichteten es seinem Bruder [Peter]. Dieser, der ihm sehr lieb war, beschwor ihn bei seiner Zuneigung, dass er sich nicht durch Hunger selber töte. Niklaus antwortete ihm: «Keineswegs auch in Zukunft nicht, da ich ja bisher noch nicht gestorben bin.» Weil der Zulauf der Landleute zu jenem Orte grösser wurde und er sich durch den Lärm stets mehr belästigt fühlte, begann er im selben Tal entferntere und unzugänglichere Einsamkeiten aufzusuchen. Als er lange und viel Klüfte und grausige Schluchten durchwanderte, sah er vier Lichtstrahlen in Form brennender Kerzen in jene Partie des Tales hinabsteigen, die man Ranft nennt. Dadurch wurde er belehrt, und er erkannte, dass dort der Ort sei, der sich für einen zur Lobpreisung Gottes bestimmten Aufenthalt eigne.
  
§23 Eine Behausung wurde gebaut:
Dort begann er mit Hilfe der Nachbarn ein kleines Holzhäuschen zu errichten. Er wohnte dort beinahe ein Jahr, bis die Unterwaldner erkannten, dass er nicht aus Heuchelei, sondern aus edler, höherer Begeisterung ein Gottesfreund geworden war. Auf gemeine Landeskosten und durch Fronarbeit bauten sie hier zu Ehren der jungfräulichen Gottesmutter eine Kapelle. An die Rückwand dieser Kapelle fügten sie eine nach heimischer Weise aus Tannenholz gezimmerte Klause an, aus der er verborgen auf den Altar der Kapelle blicken konnte. Dies geschah unter Einspruch einzelner Blutsverwandter, die meinten, es wäre nach kräftigeren Beweisen und längerer Fortdauer noch genug Zeit für diese mühevolle Arbeit gewesen. Trotzdem wurde das begonnene Werk vollendet und Niklaus bedingungslos als Wohnung übergeben.
  
§24 Der Beginn der Enthaltung von allen Speisen und Getränken:
Nachdem der ehrwürdige Vater dort eingezogen war, gab er sich der göttlichen Vorsehung ganz zu eigen. Es ist nicht leicht zu sagen, wie sehr hier Leiden, Fasten, Nachwachen und Gebete Tag und Nacht seinen Leib aufzehrten. Halten wir uns jedoch zunächst an den geordneten Ablauf der Ereignisse. Zu allererst ist darauf zurückzukommen, dass er nach seiner Rückkehr aus Liestal heimlich einen eng vertrauten Priester empfing. Ihm eröffnete er das Geheimnis, er habe nun durch Gottes Gnade, ohne menschliche Speise zu sich zu nehmen und ohne Hunger- und Durstbeschwerden zu empfinden, schon den elften Tag erreicht. Er möge ihm jetzt zuverlässig raten, was er in dieser Sache für richtig halte. Voll Verwunderung über dieses ungewöhnliche Ereignis begann er überall Hände und Füsse abzutasten und die ganze Gestalt eingehender zu betrachten. Als er das fahle Gesicht, die eingefallenen Wangen, die trockenen Lippen und den mageren, nur mit blosser Haut verhüllten Körper sah, kam er zur Schlussfolgerung, dass es nicht aus irgendeinem eitlen Aberglauben heraus, sondern vielmehr aus göttlichem Antrieb dazu gekommen sei. So riet er ihm, es mit Gottes Hilfe noch länger in diesem Fasten zu versuchen. Mit starkem Mut setzte er es fort und lebte so bis zum letzten Tag noch beinahe zwanzig Jahre lang.
  
§25 Wachen wurden aufgestellt, um seine Nahrungslosigkeit zu überprüfen:
Als aber unter seinen Landsleuten sein Ruf immer grösser wurde, begannen diese, sich in gegenteiligen Meinungen zu streiten. Die einen würdigten Gottes wunderbare Anordnungen und glaubten sofort, die anderen jedoch, welche Leichtgläubigkeit zutiefst hassten, meinten misstrauisch, ob ihm vielleicht nicht doch jemand heimlich Speisen besorge, während dritte ihn direkt als Betrüger verdächtigten. Darum wurden durch Regierungsbeschluss Wächter aufgestellt, welche die ganze Ranftschlucht ringsum sorgfältig beobachten sollten, damit kein Mensch weder zu, noch von dem Diener Gottes weg gehen konnte. Nachdem sie diese Bewachung einen Monat lang mit grösster Sicherheit durchgeführt hatten, fanden sie nicht das geringste, was auf religiöse Täuschung und damit auf leere Prahlerei hätte hinweisen können.
  
§26 Einweihung der Kapelle und Prüfung durch den Bischof betreffend der ungewöhnlichen Abstinenz:
Damit aber nicht etwa der Staat Unterwalden nach aussen hin durch üble Nachrede neidischer Menschen in den Verdacht geriet, mit falschem Ruhm betreffend einer solchen Gottesgabe geehrt zu werden, riefen sie Thomas herbei, den Weihbischof [Weihbischof Thomas Weldner] des Bischofs Herman [von Breitenlandenberg, †1474] von Konstanz, dessen Bistum der grösste Teil der eidgenössischen Gebiete unterstellt war. Nachdem der Weihbischof die Kapelle zur Ehre der jungfräulichen Gottesmutter geweiht hatte, betrat er die Zelle des Niklaus und verbrachte mit ihm den grössten Teil des Tages im Gespräch über göttliche Dinge. Unter anderem stellte er ihm die Frage, welches die grösste und gottgefälligste Tugend sei. Niklaus antwortete ihm: «Der Gehorsam». Darauf nahm Thomas Brot und Wein – beides trug er bei sich – um ihn zu prüfen, brach das Brot in drei Bissen und befahl ihm unter dem Gehorsam zu essen. Niklaus wollte sich dem Befehl des Prälaten nicht widersetzen, aber weil er Schwierigkeiten wegen der langen Entwöhnung befürchtete, bekam er durch seine Bitten die Erlaubnis, eines der Stücke in drei kleinere Bröcklein zu teilen und diese so zu essen. Er konnte sie nur mit grösster Mühe schlucken, und auch das Schlücklein Wein konnte er kaum ohne Brechen schlürfen. Der Prälat war bestürzt und erklärte den Mann für völlig bewährt und gab auch zu verstehen, dass er nicht mutwillig, sondern im Auftrag des rechtmässigen Bischofs [Diözesanbischof Herman] diese Prüfung durchgeführt habe.
  
§27 Überprüfung durch den [Diözesan-] Bischof von Konstanz selbst:
Und damit diesen Dingen noch grössere Glaubwürdigkeit zukomme, begab sich nicht lange danach Otto [Otto IV. von Sonnenberg, im Konstanzer Bistumsstreit Kandidat des Domkapitels und des Kaisers, ab 1474 Gegenbischof zum vom Papst bestätigten Bischof Ludwig von Freiberg, seit 1471 Koadjutor; Otto wird erst am 10. November 1480 von Papst Sixtus IV. bestätigt, nach dem Tog Ludwigs], der nach dem Tod von Bischof Herman als Vorgesetzter für die Konstanzer Kirche nachfolgte und von der Berühmtheit [des Bruder Klaus] angeregt wurde, zum seligen Mann in die Einsiedelei – er wollte der Wahrheit selber auf den Grund gehen. Nachdem sie über dieses und jenes gesprochen hatten, rühmte er ganz entschieden das Leben und die Sitten [von Bruder Klaus] und erklärte öffentlich, dass er sich selbst höchst glücklich schätze, weil der barmherzigste Gott gerade in seinem Bistum einen solchen Eremiten berufen habe und ihn für alle Angelegenheiten segensreich machen werde.
  
§28 Das stärkste Zeugnis für seine Nahrungslosigkeit [und Bruder Ulrich]:
Für diese Enthaltsamkeit und sein bewährtes Leben ergibt sich der grösste und völlig zweifellose Beweis, wenn wir glaubwürdig vernehmen, was ein gewisser frommer Mann [später durch Eichhorn am Rand ergänzt mit: «sein Name war Ulrich»] erlebte. Wie oben erwähnt, wurde Niklaus zur Zeit, als er noch mit bäuerlichen Aufgaben beschäftigt war, über sein Lebensende aufgeklärt, als er dann in die Einsamkeit gezogen war, besuchte ihn häufig dieser [Ulrich]. Niklaus sprach mit ihm [mit Ulrich] über viele persönliche Dinge und enthüllte ihm unter anderem auch die Todesstunde, wie sie ihm verkündet worden war. Viele Jahre behielt dieser all das schweigend für sich. Als das letzte Jahr der vorherbestimmten Lebenszeit kam [1486], ergriff diesen Ulrich das Verlangen, die Wahrheit über dieses aussergewöhnliche Gotteswerk zu bezeugen. Er kam in die Einöde zu Niklaus und erhielt von ihm nach vielen Bitten schliesslich die Erlaubnis, sich in einer benachbarten Klause niederzulassen, wobei er versprach, jeweils unverzüglich dessen Mahnungen und Weisungen zu gehorchen [nach Waldheims zuverlässigem Bericht ist er aber bereits im Jahre 1474 dort]. Nachdem beide die Bedingungen bekräftigt hatten, gelangte er mit Hilfe des Gebets von Niklaus so weit, dass er die ersten dreizehn Tage ununterbrochen, ohne Essen und Trinken verbringen konnte, allein in der Betrachtung, von keinem Hunger- oder Durstgefühl geplagt. Dann aber brachte ihm Niklaus etwas Brot, das er sich zu diesem Zweck verschafft hatte, brach es in zwei Hälften, reichte ihm die eine und befahl, es im Melchaafluss – von dem, wie gesagt das Tal seinen Namen hat – zu tunken und dann zu essen. Er gehorchte sofort, nahm den ihm hingestreckten Bissen und ass ihn, wie befohlen, jedoch unfreiwillig, er musste sich dazu zwingen. Am folgenden Tag, als mit der anderen Brothälfte das gleiche geschah, ergriff den Mann ein solches Hungergefühl, dass er es kaum für möglich hielt, durch Essen je wieder satt zu werden. Niklaus hatte das vorausgesehen und inzwischen dafür gesorgt, dass seine Frau genügend Speise herbeischaffte. Der Sattgewordene begann nun den Gottesfreund zu fragen, warum er es ihm nicht erlaubt habe, noch etwas länger zu fasten. Er erhielt die Antwort: Dieser Versuch genüge, denn es sei nach dem Willen Gottes so angeordnet. Der fromme Mann blieb an jenem Ort, gebrauchte aber von da an gewöhnliche Nahrung und wurde wie vorausgesagt zu dem Zeitpunkt von Niklaus getrennt.
  
§29 Wie die Nahrungslosigkeit möglich ist:
Nicht ohne Grund wunderten sich nun alle, zu denen die weitverbreitete Meinung vordrang, dass jener wider die Natur ohne Essen und Trinken lebte. Dem bereits genannten Priester [Heimo Amgrund], der oft zu ihm kam, enthüllte er widerwillig auf langes Bitten hin: Wenn er das göttliche Opfer miterlebe und dort sehe, wie der Priester mit dem Leib und dem Blut Christi kommuniziere, dann fühle er in sich selber, wie er aus diesem Empfang eine wunderbare Stärkung bekomme. Einigen Vertrauten, die ihn eindringlich befragten, antwortete er: wenn sich in den Gedanken das Leidens des Herrn ereigne und er in Christus die Scheidung der Seele vom Körper betrachte, dann werde sein Herz von unaussprechlicher Süssigkeit erfüllt. Diese erquicke ihn so sehr, dass er deswegen die gewöhnliche menschliche Nahrung leicht entbehren könne. Trotzdem fehlt es nicht an Argwohn, er könnte ja durch einen Raben Speise vom Himmel erhalten [wie bei Elias: 1 Kön 17,4–6], er wolle es den Fragenden gegenüber nur nicht eingestehen, um Aufsehen zu vermeiden.
  
§30 Monatliche Beichte und Empfang der Eucharistie:
Jeden Monat empfing er den Leib und das Blut des Herrn, nachdem er alle seine Sünden seinem Pfarrer [eigentlich dem Pfarrer von Kerns, Oswald Yssner] und später dem speziell dafür angestellten Priester gebeichtet hatte, für den mit Hilfe von Almosen der Pilger bei der Wohnstätte eine ehrenvoll dotierte Einrichtung gestiftet wurde.
  
§31 Seine alltäglichen Gewohnheiten:
Er hatte die tägliche Gewohnheit, den ersten Teil des Tages, vom Sonnenaufgang bis zum Mittag, einsam im Gebet und in heiligen Betrachtungen zu verbringen. Am Nachmittag trat er heraus und liess sich, wenn der Himmel heiter war, ein wenig von der Sonne bescheinen. Wenn er Lust dazu hatte, stieg er den entgegengesetzten Abhang hinauf und besuchte den Ulrich [jetzt erst wird sein Name durch Wölflin genannt], der ebenfalls im Rufe der Gottseligkeit stand und wegen der Heiligkeit des Niklaus die gleiche Einöde aufgesucht hatte. Wenn sie dann jeweils viel über göttliche Dinge gesprochen hatten, kehrte er allein wieder zurück in seine Behausung.
  
§32 Seine Kleidung und seine Schlafstätte:
Das ganze Jahr hindurch bedeckte er seinen Körper mit einem einfachen Kleidungsstück aus Wolle. Er brauchte weder Schuhe noch einen Hut. Um zu schlafen, streckte er sich auf dem Estrich aus, indem er als Ersatz für das Kopfkissens ein Baumstämmchen unter das Haupt legte. Manchmal legte er wegen der Kälte eine billige Decke über sich.
  
§33 Verschiedene von ihm besiegte Anfechtungen:
Bei diesem ernsten und reinen Lebenswandel konnte Bruder Klaus der teuflischen List nicht entgehen. Der böse Feind plagte den Gottesfreund pausenlos mit Beleidigungen und Schmähungen. Oft drang er so heftig und lärmend in das Häuschen ein, dass dem ganzen Gebäude der völlige Einsturz drohte. Manchmal kam er in schrecklicher Gestalt herein, ergriff ihn an den Haaren und zog ihn trotz seines Widerstandes zur Türe hinaus. Als er aber einsehen musste, dass Niklaus durch solche schroffen Verhöhnungen nicht im geringsten erschüttert wurde, begann er, wann immer er konnte, schlauer vorzugehen und nahm einmal die Gestalt eines kostbar gekleideten Edelmannes an, hoch zu Ross. Er versuchte ihn auf folgende Weise zu überreden: Es sei für ihn völlig nutzlos, ausserhalb der menschlichen Gesellschaft ein so einsames und viel zu hartes Leben zu führen, denn dadurch könne er nicht in die Herrlichkeit des Paradieses gelangen. Wenn er aber mit ganzer Sehnsucht danach streben wolle, dann sei es das beste, wenn er sich den Bräuchen der übrigen Menschen anpasse. Aber er erkannte die Täuschung des Unflätigen und befreite sich mit Hilfe des allmächtigen Gottes und der makellosen Gottesmutter sofort aus jeder Gefahr.
  
§34 Manchmal besuchen ihn seine Frau und seine Kinder:
Im Gespräch mit seinen Vertrauten dankte er Gott oft dafür, dass er nach der Zustimmung seiner Ehefrau, die häuslichen Sorgen aufgeben zu können, auch nicht einmal vom Verlangen ergriffen wurde, wieder heimzugehen. Er erlaubte zwar manchmal der Frau und den Kindern, zu ihm in die Einöde zu kommen, um seinen heilsamen Rat zu hören, damit sie durch die väterliche Belehrung gestärkt ihr Leben demütig dem göttlichen Dienste widmeten.
  
§35 Zugang nur mit Erlaubnis [Bruder Klaus als weiser Ratgeber]:
Nicht jedem war der Zutritt zum Diener Gottes gestattet, denn er sagte, dass viele nicht zur Erbauung kämen, sondern mehr in der Art der Pharisäer die Gelegenheit zur Zerstörung des Lebens suchten. Darum mied er jene, die er innerlich durchschaute. Die übrigen aber, die zum Gespräch zugelassen wurden, begrüsste er freundlich, belehrte und ehrte sie. Wieviele auch zu ihm kamen, alle erschraken sie zuerst aufs heftigste. Er selbst erklärte die Ursache für diesen Schrecken so: Er habe einmal ein extrem intensives Licht gesehen, das ein menschliches Antlitz umgab. Bei diesem Anblick sei sein Herz wie in winzige Stücke zersprungen, so sehr sei er erschrocken [Schreckensvision]. Völlig betäubt habe er sofort sein Gesicht abgewendet und sei auf die Erde gestürzt. Seit diesem Ereignis erscheine sein eigenes Gesicht anderen Menschen schreckenerregend. – Obwohl Niklaus die Buchstaben nicht kannte, pflegte er dennoch aus der ihm von oben eingegossenen Wissenschaft manchmal sogar gelehrte Leute von der Unkenntnis verborgener Zusammenhänge zu befreien. Und wenn einfachere Menschen zu ihm kamen, um ihn über das göttliche Recht zu befragen, dann antwortete er gütig, jeder einzelne solle die Worte aus dem Evangelium ihrer Seelsorger aufrichtig in seinem Gemüt bewahren und nach Kräften danach handeln. Nicht selten wurde er in brennenden Fragen um Rat gebeten, welche die ganze Eidgenossenschaft betrafen. Alle seine Ratschläge gab er im Hinblick auf die politische Ruhe im Vaterland, auf die Einmütigkeit der Nachbarn, auf die Ehre Gottes und auf den Gehorsam gegenüber seinen Geboten. – Er enthüllte oft den Anwesenden, dass bestimmte Pilger von weit her kommen und zu einer gewissen Stunde eintreffen würden. Das wirkliche Eintreffen solcher Voraussagen haben viele selbst erfahren.
  
[Heinrich Wölflin war den Eremiten im Ranft nie selbst begegnet, er war also um 1501 auf das Hören-Sagen angewiesen. In seinem Drang nach theatralischen Übertreibungen geht er auf wilde Gerüchte allzu gerne ein und schmückt sie eigenwillig aus. Bruder Klaus hätte eine Vision mit einem menschlichen Antlitz – humanam faciem – gehabt. Da ist aber keine Rede von einer Gottes-Erscheinung, auch nicht, dass das menschliche Antlitz erschreckend ausgesehen habe. Und dass das Gesicht des Einsiedlers schreckenerregend ausgesehen habe, sagt Wölflin auch nicht explizit. Wie sollte er auch, da ja das eben gerade 1492 gemalte Altarbild in der Sachsler Pfarrkirche Bruder Klaus eher mit einem ernsten aber dennoch freundlichen Gesichtsausdruck (• Bildausschnitt) zeigt. Das Erschrecken der Besucher hatte wohl eher einen anderen Grund: ein vorausgehendes Angstgefühl vor dem Ungewöhnlichen, eben auch eine Art von Vorurteil, resultierend aus den zahlreich herum gebotenen Erzählungen, die leider nur allzu viele Gerüchte enthielten.]
  
§36 Der Student aus Paris [Studienkolleg von Niklaus jun.]:
Diesbezüglich darf man nicht wenig erstaunt darüber sein, was ein gewisser Student aus Paris erzählte. Dieser erhielt nämlich zwei Briefe von Niklaus, dem jüngsten Sohn unseres Niklaus, der sich für das Studium der Freien Künste zur französischen Universität begeben hatte. Einen davon verlor er aber aus Unachtsamkeit unterwegs im Elsass. Darum fürchtete er, dass der gute Mann ihm ein wenig zürnen könnte. Dennoch entschied er sich, mit Herzklopfen, ihn aufzusuchen. Als er allen Mut zusammengenommen hatte und sich der Ranftkapelle näherte, da kam Niklaus gerade den Abhang hinunter und hielt den verloren geglaubten Brief in der Hand. Zuerst grüsste er den Gast freundlich. Dann beglaubigte er ihn als Überbringer jenes Briefes, den der junge Niklaus sandte, der im Elsass verlorengegangen war und nun in seiner Hand wieder gefunden wurde. Der Briefbote wurde durch dieses Wunder im Herzen von Staunen und Freude ergriffen.
  
§37 Wie jemand von seinen Leiden geheilt wurde:
Auch etwas anderes darf nicht unerwähnt bleiben: ein Mann aus dem Bernbiet, der ein Fussleiden hatte und wegen den andauernden Schmerzen keine Ruhe finden konnte, versprach Unserer Lieben Frau im Ranft einen Votivfuss aus Wachs, um Heilung zu erlangen. Nach der Genesung führte er jedoch das Versprochene nicht aus und liess es Jahre lang unerfüllt. Dann nahm das Leiden wieder stärker zu, und er erinnerte sich an das vernachlässigte Versprechen. Er beeilte sich so gut wie möglich, um es doch noch zu erfüllen. Nachdem er das Wachsgebilde auf den Altar der hilfreichen Jungfrau gelegt hatte, empfahl er sich demütig den Fürbitten von Niklaus. Auf dessen inständiges Gebet wurde der Patient sofort von der Lähmung befreit.
  
§38 Sein leidvolles Sterben:
Als die Zeit näher kam, welche der gnädigste Gott seinem treuen Diener festgesetzt hatte, um aus dem Elend dieses Lebens in die ewige Freude hinüberzugehen, liess er es zu, dass er vorher noch an einer schweren Krankheit leiden musste. Da der ganze Körper davon betroffen und das Fleisch verzehrt und beinahe abgestorben war, klagte er angsterfüllt über den Schmerzen in den Knochen und Sehnen, so sehr, dass er sich hin und her wälzte und keine Ruhe mehr finden konnte. Als er dieses Leiden bis zum achten Tag geduldig und armselig ertragen hatte, begann er brennend nach der Wegzehrung des heilbringenden Leibes und Blutes Christi zu verlangen. Nachdem er diese mit grösster Würde empfangen hatte, hauchte er, auf dem Boden liegend, nach einigen Dankgebeten seine Seele aus. Dies geschah unter heftigen Schmerzen am 21. März, im Jahre des menschgewordenen Wortes 1487.
  
§39 Das Begräbnis:
Der entseelte Leichnam wurde, wie es Brauch war, aufgebahrt und zum Tempel Gottes des Sittener Bischofs Theodul getragen, so wie er es zu Lebzeiten angeordnet hatte. Dort wurde er nicht nur in Anwesenheit seiner Ehefrau, der Kinder und der übrigen Familienangehörigen, sondern auch einer Menge von Priestern und dem zurückgelassenen Volk aus ganz Unterwalden, unter ausserordentlich grosser Anteilnahme, von vielen beweint, mit höchsten Ehren, mit mehreren Messen und feierlichem Trauerzug begraben.
  
§40 Sein Erscheinen nach dem Tod:
Als aber Frau Dorothea am Tage nach dem Tode des seligen Vaters zum Grabe kam, um zu beten, lief ein Bote zu ihr hin und tröstete sie mit ein paar Worten. Dabei erzählte er ihr, er habe den verstorbenen Niklaus in strahlenden Glanz auf dem Felsen gesehen, von dem gesagt wird, er habe jener Familie den Namen gegeben. Er habe eine Fahne in der Hand gehabt, darin sei deutlich eine Bärentatze abgebildet gewesen. Alle Widerwärtigkeiten seien nun durch die Beharrlichkeit dieses Starken überwunden.
  
§41 Die Wunder nach seinem Hinscheiden [...]
Als der Diener Gottes noch auf Erden lebte, wurden durch das lehrreiche Gespräch mit ihm alle Christgläubigen mit süsser Freude erfüllt. Nun war er tot und entrückt. Doch der barmherzige Gott wollte nicht, dass das Volk seinen beliebten Zuspruch verliere und sich mit täglichen Klagen quäle. Bis auf den heutigen Tag hat er nicht aufgehört, es auf seine Fürbitte hin mit vielen und verschiedenartigen Wundern zu trösten. [...]
  
[Heinrich Wölflin fügt anschliessend einundzwanzig Berichte (§41b–63) über Wunderheilungen an, die mit der Verehrung von Bruder Klaus zusammenhängen, sie sind dem Sachsler Kirchenbuch (Quelle 053) entnommen, beginnend mit dem Bischof von Lausanne. Auch ein Fischer aus Dänemark (§43) war dabei, der 1487/88 eine Wallfahrt zum «divinum Jacobum in Compostellam Galiciae» (göttlichen, bzw. heiligen Jakobus in Compostela in Galicien = Santiago de Compostela) unternahm, jedoch ohne Erfolg, stattdessen erfuhr er am Grab von Bruder Klaus in Sachseln Heilung.]
  
§43 Ein Däne, der ein Fussleiden hatte:
Es gab auch einen gewissen dakischen [Dacus, später korrigiert zu Danus], bzw. dänischen Fischer, der am Fuss gelähmt war und sich grausam abquälte. Er konnte nur auf zwei Stöcken [Krücken] gestützt mühsam herumgehen. Für die Wiederherstellung der Gesundheit kam er zum heiligen Jakob in Compostela Galizien, dort gab er seine Opfergabe. Doch die Vorsehung Gottes fügte es nicht so. Im Schlaf wurde er vielmehr aufgefordert, dass er sich mit Bitten unserem Niklaus empfehle. Als er erwachte gelobte er sogleich, sein Grab zu besuchen. Mit gelindertem Schmerz machte er sich auf den Weg. Nach vielen Strapazen kam er dort an und nahm am göttlichen Opfer [an der Messe] teil. Sobald hier die Opfergabe niedergelegt war, mitten in einer Ansammlung vieler Menschen, wurde er von der ganzen Gefahr [Krankheit] befreit. Dies wurde zum Zeugnis festgehalten [d.h. aufgeschrieben]. Gesund und frohlockend kehrte er in sein Vaterland zurück.
  
§63 Epilog des ganzen Werkes [Mahnrede an die Unterwaldner]
Dieses, meine Unterwaldner, ist mit über euren seligen Vater und Landsmann Niklaus zu meiner Beschreibung mitgeteilt worden. Wenn auch alles wahr ist, so soll es euch trotzdem keine Gelegenheit bieten, unbedacht und unpassend zu prahlen, sondern vielmehr die Religion tiefer zu erfassen und zu mehren. Was konnte der allerhöchste Gott Eurer Gemeinschaft Besseres geben, als dass das Land diesen Einsiedler als Schutzpatron erhalte und es im Frieden von allen gefährlichen Ereignissen bewahrt werde. Es ist für jeden offensichtlich, dass sein Eingreifen nicht nur seinen Landsleuten [den Obwaldnern], sondern dem ganzen Schweizerbunde bis heute oft geholfen hat. Ihr müsst darum alles daransetzen, um die Wohltaten dieses Fürsprechers mit der Verherrlichung Gottes und mit eurer geistlichen Erbauung zu vereinen. Wenn Ihr das tut, dann werdet Ihr Euch niemals für das Ausbleiben dieser Hilfe beklagen können. – Es bleibt noch zu sagen, dass dieses kleine Werk mit fröhlicher Stirn und voller Sympathie für alle Unterwaldner weiter verbreitet werden soll, damit die treuen Anhänger des Niklaus die Beschimpfungen eifersüchtiger Gegner – sofern es solche noch gibt – um so leichter stoppen können und selber durch das Beispiel seiner Frömmigkeit zur Nachfolge Gottes und seines Dieners angeregt werden.
  
Abbildungen:
· Bruder Klaus mit der Vision der drei Fremden, die seine Gottergebenheit prüfen (Kapelle St. Jost, Galgenen, Schwyz, 1622/23)
· Bruder Klaus starb am 21. März 1487 (obere Ranftkapelle, 18. Jh.)

    
  
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