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Im Blickpunkt …
Für Bruder Klaus (Niklaus von Flüe) ist Pfingsten ein Weg nach innen, wo nicht Gemeinheit und Geschäftigkeit der Menschen herrschen sondern die innern Werte. Eindrücklich wird ein solches Pfingsterlebnis des Einsiedlers in der Brunnenvision geschildert. Die Erzählung finden wir in zwei Varianten (• Synopse), beide wurden durch die direkten Nachkommen mündlich überliefert und danach schriftlich festgehalten: 1. Die Engelberger Version – Caspar am Büel (Ambühl, Quelle 068) 2. Die Sachsler Version – Heinrich Wölflin (Quelle 072) Die Sachsler Version ist mit dem Namen Caspar am Büel verbunden (neusprachlich: Ambühl). Sie wurde vor 1500 aufgezeichnet. Wer war dieser Caspar am Büel? Naheliegend ist eigentlich nur dies: Verena von Flüe, die Tochter von Bruder Klaus, heiratete in zweiter Ehe in Altsellen bei Engelberg in die Sippe der «am Büel» ein. Caspar dürfte der Zeitrechnung zu Folge Verenas Sohn sein, also ein Enkel von Bruder Klaus. Ob er nun selbst den Text verfasste ist eher unsicher, vielmehr scheint es, dass er einem Benediktiner-Mönch in Engelberg die Brunnenvision und zwei andere Visionen erzählt hatte. Der Endredaktor muss sich nun in der Musik und deren akustischen Phänomenen genauer ausgekannt haben. In der Pilgervision wird geschildert, wie bei einem Ton der Orgel kleinere Pfeifen (in den höheren Oktaven) mitschwingen und einen eigenen Ton erzeugen. In der Brunnenvision wird berichtet, wie der Brunnen einen lauten Ton von sich gibt, der dem eines Horns gleicht. Sicher war es nicht das Hörnchen eines Rindes oder eines Ur, eher etwas grösseres? Ein Alphorn? Zeitlich könnte das hinkommen. Aber diverse Register bei einer Orgel erzeugen hornartige Klänge, etwas vergleichbar mir dem damals bei Musikanten gebräuchlichen Krummhorn oder dem Pommer (beide gab es in unterschiedlichen Stimmlagen). Nun, in der Innerschweiz gab es zu jener Zeit weit und breit keine Orgel ausser eben in der Klosterkirche von Engelberg. Während die Engelberger Version ziemlich lebensnah ist, verrät die spätere Sachsler Version von 1501 die wissenschaftliche Haltung des Verfassers, Heinrich Wölflin, Humanist in Bern. Besonders auffällig ist beim Berner Humanisten die Zahl Zehn der Treppenstufen, die genau zu den zehn Geboten passt, wie auch sonst der starke Hinweis auf die Bibel, besonders zur Hoffnung machenden Vision im Buch Jesaja: «Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zahlt ihr Geld für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.» (Jes 55,1–2). Die Sachsler Version wurde durch Bruder Klausens Nachkommen in Sachseln mündlich überliefert, vermutlich hörte sie Wölflin da nochmals in verschiedenen Varianten und bemühte sich danach um eine möglichst exakte theologische Wiedergabe. In beiden Versionen besteht die Flüssigkeit des Brunnens aus Dreierlei (wenn auch in der Reihenfolge abweichend): Wein, Öl und Honig. Im Pfingsthymnus «Veni, Creator Spiritus» (Komm, Schöpfer Geist – 9. Jh.) wird in der zweiten Strophe der Geist Gottes ein «lebendiger Brunnen» (fons vivus) genannt und daran anschliessend «Feuer» (ignis = Wein), «Liebe» (caritas = Honig) und «Seelensalbung» (spiritalis unctio = Öl). In den Quellen zur Spiritualität von Bruder Klaus finden wir auch diese Bemerkung: «... er [Gott] ist ein Brunnen, aus dem alle Weisheit ausfliesst, diese wird dem mitgeteilt, der ihrer aus echter Liebe begehrt. Das ist die süsse Einfliessung des Heiligen Geistes, dadurch es uns ermöglicht wird, dass wir seine klare Gottheit ewig anschauen können.» (Pilgertraktat, Quelle 048). – Die Brunnenvision hat aber auch noch eine soziale Dimension. Zu Lebzeiten des Einsiedlers Klaus von Flüe fand ein Übergang statt von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft. In beiden Versionen der Brunnenvision finden wir eine moralische Kritik, welche der Umgang mit dem Geld sogleich auch mit sich brachte. Allerlei Äusserlichkeiten, nur um an das Geld heranzukommen, wurden zusehends wichtiger als die innern Werte. Dabei war das Phänomen damals schon zweitausend Jahre alt und wurzelt in der Lehre der Sekte der Pythagoreer und deren Maxime: Wer die Zahl hat, kann die Welt beherrschen. Bereits ein Zeitgenosse von Pythagoras, im 6. Jh. v. Chr., bemerkte zu der Doktrin der Pythagoreer, sie sei eine Lügenkunst (kakotechnia, Kunst des Unheils) – es war der Philosoph Heraklit in Ephesus (Fragment B129). Die Sekte war auch verschiedenen Autoren der Bibel bekannt. Im Laufe der Jahrhunderte steigerte sich die Geld-Paranoia zum Exzess. Gewisse Geister können keine Ruhe finden, bis nicht auch der letzte Mensch im Amazonas oder in Neu-Guinea vom Geld abhängig ist. Dabei schaffen sie nur «schwarze Löcher», wo die ganze Nichtigkeit aufscheint. – Sicher, es ist heute ein grosser Unterschied, ob ein Mensch gezwungener Massen das Geld für das Lebensnotwendige zusammenbringen muss oder ob einer zum Komplizen derer wird, welche in ihrer Gier buchstäblich über Leichen gehen – zum Beispiel wenn sie die Bodenschätze in Afrika ausplündern und dabei brutale Militärbanden engagieren, so dass das Volk ständig hungert und auf der Flucht ist. Wölflin schreibt am Schluss seiner Variante mit apokalyptischen Worten: «Beinahe alle auf der weiten Welt suchen nach ihrem eigenen und bloss vorübergehenden Vorteil und werden dadurch abgehalten, zum Brunnen hinzugehen, stattdessen gehen sie in ihr Verderben.» Es ist aber heute für einen gewöhnlichen Erdenbürger äusserst schwer kein Komplize zu sein, trotzdem sollte jeder die inneren Werte suchen und danach streben, friedfertig, wahrhaftig, gerecht und barmherzig zu sein, aber nur dort, wo wirkliche Not vorliegt und nicht bei irgendwelchen unnötigen oder gar schamlos verklärten Projekten. Es geht in der Apokalypse am Schluss der Bibel (dessen Urheber der Legende nach der Apostel Johannes, zeitweise in Ephesus gelebt haben soll) nicht um eine bestimmte Zahl in astronomischer Höhe, es geht einfach nur um das Geld und den Wahn, dass man mit ihm alles machen und erreichen könne, sehr oft allerdings nicht auf saubere Weise. Es wird schamlos gelogen und betrogen. Und so wurde die Anzahl der Komplizen Legion. Die Folgen der krankhaft gewordenen Gier sind Unfrieden und Ungerechtigkeit – genau das Gegenteil zur messianischen Gegenwart, die nämlich das bedeutet: «Gerechtigkeit und Friede küssen sich.» (Ps 85,11). Wenn sich die Menschen mehr um die inneren Werte kümmern würden, hätten wir eine bessere Welt. Aber bekanntlich sind gewisse Krankheiten, wenn sie endemische Züge angenommen haben, kaum mehr «wegzuzaubern», da bräuchte es schon etwas mehr an heilenden Kräften.
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