Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
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   Bruder Klaus und Ritter Adrian
  
Adrian von Bubenberg – ohne ihn hätte es
Bruder Klaus vermutlich nur kurze Zeit gegeben

  
   Die Begegnung zwischen Ritter und Einsiedler erhielt in der Literatur des Hochmittelalters eine grosse Bedeutung im Versroman «Parzival» (25’000 Verse, 16 Kapitel, bzw. Bücher) des noch unter die Minnesänger gezählten Wolfram von Eschenbach (um 1160 bis um 1220). Im 9. Kapitel irrt der noch auszubildende Ritter Parzival in seiner Ignoranz umher – er machte viele Fehler und benötigte Rat. Er begegnet dem Einsiedler Trevrizent, der einst ebenso ein Ritter war und dann im Alter Ruhe und Abgeschiedenheit aufsuchte und so sein Leben der Macht der inneren Werte widmete. Die Begegnung Parzivals mit dem Waldbruder brachte den jungen Mann auf den richtigen Weg. Trevrizent ist der Lehrer des jungen Ritters, der draussen in der Welt für die hohen Werte des Menschseins einstehen muss. – Dieses literarische Lehrstück war an den grösseren und kleineren Höfen des Adels wohl bekannt.
  
Ritter auf dem Weg
  
Adrian von Bubenberg (*um 1434, ursprüngliche Schreibweise und Phonetik: «Buoben­berg» oder «Bůbenberg») wuchs vorwiegend in Bern auf, im Hof seines Vaters Heinrich. Bisweilen gingen da auch Ritter und allerlei Edelleute ein und aus. So machte der burgundische Herzog Philipp der Gute mit seinem Erbprinzen Karl einen Besuch in Bern und logierte im Palais Bubenberg. Ob danach Adrian als Page am Hofe in Dijon weilte, als Kamerad für die Erziehung des späteren Herzogs Karl, ist nicht weiter belegt, scheint aber naheliegend. 1455 zog Adrian erneut nach Dijon, mit einer eigenen Truppe, um in einer Armee unter der Führung des Herzogs Philipp von Burgund dem oströmischen Kaiser gegen den Sultan Mehmet II. zu Hilfe zu kommen – Konstantinopel wurde 1453 von den Osmanen erobert; die letzten Reste des oströmischen Reiches, Trapezunt, gingen 1461 unter. Der Feldzug mit dem Ziel der Rückeroberung Konstantinopels wurde jedoch 1455 abgesagt.
  
1466 erhielt Adrian von Bubenberg nach einer damals beschwerlichen Pilgerreise nach Jerusalem den Ritterschlag. Er wurde ein «Ritter vom Heiligen Grab» (damals noch keine feste Organisation), mit dem König der Könige als Dienstherrn. – Klaus von Flüe und Adrian von Bubenberg kannten sich gut aus jener Zeit, als noch beide Ratsherren und Mitglieder in eidgenössischen Schiedsgerichten waren. Der Obwaldner Bauer verliess am Freitag, 16. Oktober 1467, seine Familie und seinen Hof auf dem Schübelacker, um als Pilger ins Ausland zu gehen – er wollte ins «elend gan» (Sachsler Kirchenbuch, Quelle 053). Kurz zuvor hatte er alle Ämter aufgegeben. Nach wenigen Wochen wieder heimgekehrt, liess er sich in der Melchaaschlucht als Eremit nieder. Wegen seiner Bemühungen um die Bedeutung der inneren Werte, wie Frieden, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, und wegen seiner Gottergebenheit war Bruder Klaus auf seine Weise ein Ritter geworden, so wie es der Ranftkaplan, Sebastian Rhätus (Quelle 221) und der spätere Abt Ulrich Witwyler (Quelle 262), in der Sammlung der Reimsprüche festhielten, wenn sie die zwei Wege des Ritterseins aufzeigten:
         Es zog manch einer übers Meer zum heiligen Grabe,
         Dass er zum Ritter werd geschlage’.
         Das ist ein Ritter wohlgemut,
         Der Gott in seiner Seele tragen tut.
  
Das Berner Münster galt damals als Wallfahrtsort in Bezug auf den Diakon Vinzenz von Saragossa (†304). Angeblich wurde hier dessen Haupt verehrt. Bern war auch eine Station der Pilgerreise des Junkers Hans von Waldheim aus Halle an der Saale. In seinem Reisetagebuch (Quelle 009) wird zudem Adrian von Bubenberg erwähnt: «In Bern ist das Haupt von Sankt Vinzenz, und in der Stadt wohnen viele Ritter und Knechte, nämlich … Ritter Adrian von Bubenberg …» – Als Klaus von Flüe am Freitag, 16. Oktober 1467, zu seiner Pilgerreise aufbrach, zog er vermutlich über den Brünigpass und besuchte zunächst die Beatushöhlen über dem Thunersee. Die nächste Station dürfte der Wallfahrtsort St. Vinzenz in Bern gewesen sein. Nicht auszuschliessen ist, dass er bei dieser Gelegenheit zugleich auch Adrian von Bubenberg in dessen Palais getroffen hatte.
  
Die Inquisition – Donnerstag, 27. April 1469
  
Nein, der Tag war keine Idylle, als der Generalvikar und Weihbischof, Thomas Weldner, im Auftrag seines Herrn, Bischof Herman von Breitenlandenberg, anreiste um am Donnerstag, 27. April 1469 die Kapelle im Ranft einzuweihen. Der Weihbischof hatte darüber hinaus vom Konstanzer Diözesanbischof, Herman von Breitenlandenberg, einen klaren Auftrag, den Waldbruder einer genauen Prüfung zu unterziehen (Quelle 004), um Klarheit zu erhalten, ob da nicht ein Teufelswerk sich abspielte in der abgeschiedenen Lebensweise Klausens. Solche Prüfungen, auch «Inquisitionen» genannt, waren damals sehr gefürchtet. In ganz Europa hatte sich das Schicksal der Jeanne d’Arc herumgesprochen, die nach einer perfiden und grausamen Inquisition 1431 in Rouen auf dem Scheiterhaufen als Ketzerin verbrannt wurde. Ritter Adrian war nicht zufällig an diesem Tag im Ranft, auch nicht auf Einladung eines kirchlichen Würdenträgers; er gehörte nicht dem Bistum Konstanz sondern Lausanne an. Die lapidare Erwähnung in der Weiheurkunde von Weihbischof Weldner, als Zeuge der Einweihung sagt nicht die ganze Wahrheit aus: «Testes: Dominus Adrianus de Buobenberg, Miles [et] Schultetus [bis Ostern, 2. April] Bernensium …» (Zeugen: Herr Adrian von Bubenberg, Ritter und Schultheiss von Bern – Abschrift der Weiheurkunde, Quelle 004). In der Weiheurkunde ist nichts über die Prüfung erwähnt. Eine Münchener Handschrift, um 1500 (erst 1983 durch Peter Ochsenbein, Stiftsbibliothekar in St. Gallen, wieder entdeckt), schildert das Ereignis der Inquisition noch etwas drastischer (Quelle 069): Als Bruder Klaus zu ersticken drohte und Blut aus seinem Mund floss, wollte mindestens einer der Anwesenden die tödliche Eskalation aufhalten. Doch keiner hätte wohl den Mut und die Autorität dazu gehabt, ausser eben der Ratsherr aus Bern. Die Prüfung wurde sofort abgebrochen. Offensichtlich fühlte sich der Weihbischof an Leib und Leben bedroht und erwähnte diesen Vorfall auch in einem Rapport. Auch in Rom wurde dieser Vorfall zweifellos bei Kardinälen und Prälaten bekannt, dennoch gewährten sie kaum ein Jahr später (am 18. April 1470) der Kapelle Ablässe (Quelle 075), ohne auf das Ereignis einzugehen. Einer der Unterzeichnenden des Ablassbriefes war Francesco della Rovere, der spätere Papst Sixtus IV. (1471–1484). Auf die Bedrohung eines Bischofs konnte damals die Strafe des Kirchenbanns oder zumindest einer latenten Exkommunikation (die nicht öffentlich verhängt werden musste) folgen. In der Öffentlichkeit wurde der Vorfall jedoch bald vergessen, ohne dass irgendwelche Folgen sichtbar wurden. Vorläufig wenigstens. Ziemlich sicher scheint nun jedenfalls, dass es ohne Adrian von Bubenberg nur kurze Zeit einen Bruder Klaus gegeben hätte. Wenn er nämlich im April 1469 gestorben wäre, dann wäre er als solcher gar nie bekannt geworden sondern nach kaum zwei Jahren in der Vergessenheit versunken. Aber auch als Überlebender der Tortur war seine spätere Bekanntheit als politischer Ratgeber zu grossen Teilen dem Berner Ritter zu verdanken.
  
Vermutlich sandte der Bischof von Konstanz ein paar Wochen später (8./9. Juni 1469 – Quelle 005) einen Dominikaner, der für Verhöre spezialisiert war, in den Ranft, um die am 27. April abgebrochene Inquisition zu vervollständigen. Die Befragung des Eremiten durch den Prediger brachte allerdings nichts Anstössiges zum Vorschein.
  
Diplomatie und Krieg
  
Bruder Klaus, der 1467 sein Amt als Ratsherr und Richter in Obwalden aufgab, wurde später im Ranft oft von diplomatischen Gesandten von Nachbarorten und ausländischen Mächten besucht und um Rat gebeten, allerdings erst nach den Burgunderkriegen – nachweisbar ab 1478. Vorher ist nichts unmittelbar bekannt. Eine Ausnahme dürfte allerdings Adrian von Bubenberg gewesen sein, auch wenn in den Ausgabebüchern in Bern nichts vermerkt wurde – Ratsherren aristokratischer Herkunft verlangten meistens keine Entschädigungen für ihre Dienstreisen, dies war für sie eine Ehrensache. Beide, Bruder Klaus und Ritter Adrian, verfolgten stets eine gerechte Friedenspolitik. Wie Klaus von Flüe vor dem Ausbruch der Burgunderkriege dachte, ist nicht wörtlich bekannt. Doch wie sein einstiger Ratskollege in Bern war er wohl diesbezüglich gegen die Einmischung der Eidgenossen in «fremde Händel», da es dafür keine notwendigen Verpflichtungen gab. Die Lage in Europa war allerdings äusserst komplex und teilweise sogar verworren wegen der undurchschaubaren Ränkespiele der Fürsten. Gegenüber dem hinterlistigen Tun Kaiser Friedrichs III. war Karl der Kühne jedoch geradezu ein ehrlicher «Waisenknabe». Wer konnte jeweils die wahren Motive des Kaiser durchschauen?
  
König Ludwig XI. von Frankreich schaute mit Argwohn und Neid auf seinen Vasallen (Herzog von Burgund) und zugleich Vetter aus dem gleichen königlichen Geschlecht der Valois, Karl der Kühne. Zugleich war Vorderösterreich, Herzog Sigmund, in Händel mit dem Burgunder verwickelt, als dieser Elsass und Breisgau als Pfand besetzte, für das geliehene Geld, das der Habsburger Sigmund brauchte, um die Kriegschulden gegenüber den Eidgenossen zu begleichen, exakt für die gleichen Gebiete, welche diese vorher besetzt hatten (die vier Waldstädte: Rheinfelden, Säckingen, Laufenburg und Waldshut sowie Teile des Fricktales – vgl. Quelle 007). – Bern hätte zumindest den Landstrich südlich des Schwarzwaldes mit den vier Waldstädten gerne behalten, was einen völlig anderen Verlauf der Geschichte Europas zur Folge gehabt hätte, die anderen Eidgenossen wollten lieber Geld sehen. – Für das Auslösen des Pfandes erhielt Sigmund (Quelle 018) von elsässischen Städten (Niedere Vereinigung, die reichsfreien Städte: Basel, Strassburg, Schlettstadt, Colmar) wiederum einen Kredit. Karl der Kühne lehnte jedoch ab. Warum war Sigmund immer derart in Finanznöten? Immerhin hätte er der reichste Fürst in Europa sein können, allein schon wegen seiner Bergwerke im Tirol – es gab bei Schwaz viel Silber zu fördern, dazu Kupfer. Sein grosser Vetter und ehemaliger Vormund, Kaiser Friedrich III., brauchte für seine breit gestreute Machtpolitik Unsummen, die er offensichtlich bei Sigmund eintrieb, der seinerseits trotz des Reichtums immer wieder Kredite aufnehmen musste. – Warum löste König Ludwig, mit dem Spitznamen «die universelle Spinne» das Problem mit seinem burgundi­schen Vasall nicht selbst? Hatte er denn keine Armee? Doch, wahrscheinlich sogar die grösste in Europa. Aber diese Armee war zum wiederholten Mal vermietet an Kaiser Friedrich. Dieser wiederum hatte besondere Pläne. Einerseits wollte er seinen Sohn Maximilian mit der burgundischen Erbtochter verheiraten. Andererseits musste er im Westen Deutschlands die vier Kurfürsten in Schach halten (die Kurfürsten von Köln und von der Pfalz waren Brüder), damit diese nicht als Mehrheit Karl den Kühnen zum Römischen König und damit zu seinem Nachfolger wählen würden. So errichtete er bei Neuss ein immenses Drohpotential gegen den Burgunder, der seinerseits dem geistlichen Kurfürsten von Köln, Erzbischof Ruprecht von der Pfalz, bei seinen Wirren in und um Köln zu Hilfe kam. Die Streitkräfte Burgunds waren also gerade im Rheinland beschäftigt (Juli 1474 bis Juni 1475). Durch finanzielle Versprechungen Frankreichs sahen die Eidgenossen jetzt die Lage als günstig, um den Krieg gegen Burgund zu eröffnen, sie zogen aus in Richtung Burgundi­sche Pforte. Es kam zur Belagerung der Stadt Héricourt und zur Schlacht (13. November 1474) gegen eine burgundische Streitmacht in Unterzahl. Adrian von Bubenberg, der oft diesbezüglich als Diplomat unterwegs war, war entschieden gegen den Krieg – nicht zuletzt weil er in der verworrenen Lage Europas einen guten Durchblick hatte – und wurde deswegen aus dem Rat der Stadt Bern ausgestossen, auf betreiben seines Gegen­spieler, Niklaus von Diesbach (†1475). An der Stelle Bubenbergs führte Nikolaus von Scharnachtal die Berner Truppe nach Héricourt. Herzog René von Lothringen hatte eben wieder die Seite gewechselt und griff ebenfalls gegen Burgund ein. Herzog Sigmund von Österreich schickte seine Heerführer, Oswald von Thierstein und Andreas Roll von Bonstetten, die Niedere Vereinung beteiligte sich mit Truppen unter Wilhelm Herter. Der weitere Verlauf ist bekannt: drei Schlachten und grosse Beute, anschliessend Missstimmungen über den Fortbestand der Eidgenossenschaft.
  
Als 1476 Graf Jakob von Savoyen (Graf von Romont) gegen die Absicht der Regentin und Herzogsmutter, Jolanthe (Schwester von König Ludwig XI.) Truppen gegen die Eidgenossen organisierte, vorwiegend aus lombardischen Söldnern, wurde die Lage für die Eidgenossen zusehends bedrohlicher. Als sich aber der Graf von Romont, Jakob von Savoyen, ein Onkel des unmündigen Herzogs Philibert I. von Savoyen, trotz Ablehnung durch die Regentin Savoyens Jolanthe von Frankreich (Schwester König Ludwigs XI. und Mutter des unmündigen Herzogs Philibert), mit Burgund verbündete und mit einem grossen Söldnerheer auf Bern und Freiburg einen immensen Druck ausübte, war es für Adrian von Bubenberg der Anlass für eine Neubeurteilung der ganzen Lage. Aber warum wollte denn Karl der Kühne unbedingt das Städtchen Murten erobern und nicht das benachbarte, weniger stark verteidigte Freiburg? War seine Entscheidung emotional geprägt, weil er wusste, welche Truppen die Stadt verteidigte? – Jolanthe (Jolanda, Yolande) hatte noch auf Druck ihres Schwager Jakob im Januar 1475 ein Abkommen mit Burgund geschlossen. Im Sommer 1476, nach der Schlacht bei Murten (22. Juni 1476), wurde sie auf Befehl Karls des Kühnen auf ihrem Weg von Gex nach Genf durch Olivier de la Marche als Geisel entführt, konnte jedoch bald wieder befreit werden. Warum wurde sie entführt? Auf ihr Geheiss war eben noch eine savoyische Truppe massgeblich an der Verteidiung Murtens beteiligt. Sie schloss bereits im April 1476 ein geheimes Abkommen mit den Eidgenossen ab, eine diplomatische Glanzleistung Adrians von Bubenberg, die bisweilen vergessen wird. Dieser beteiligte sich dann an den kriegerischen Ausandersetzungen als Kommandant der Truppe zur Verteidigung der Stadt Murten. Der Befehl dazu kam von der Regentin Jolanthe, denn die Stadt stand zu dieser Zeit (bis 25. Juli 1476) immer noch unter der Schutz­herr­schaft Savoyens. Die Strategie dachte sich Adrian von Bubenberg aus mit dem Ziel, die Streitmacht Burgunds vor die Stadt zu locken, um sie zu belagern. – Adrian von Bubenberg nutzte die Zeit seiner Freistellung vom Kleinen Rat Berns auf eigene Verantwortung für diplomatische und militärische Aktivitäten. Wenn zirka 2000 Soldaten unter der Fahne Savoyens in einer savoyischen Stadt Station machen, ist das eigentlich nicht besonders auffällig. Eine kleine Artillerie befand sich bereits in der Stadt. Bis dann auf der burgundischen Seite der Herzog und sein Marschall aus Savoyen dahinter kamen, was dieser Schachzug wirklich zu bedeuten hatte und wer wirklich dahinter steckte, verging viel Zeit. In dieser Zeit konnten Bern und seine Verbündete (Eidgenossen, Lothringen, Vorderösterreich und die Niedere Vereinigung, zusammen gegen 25000 Soldaten) effizient den Aufmarsch zum Ort der Schlacht vorbereiten. Die ganze Strategie entsprang dem Kopf des offiziell immer noch suspendierten Berner Ratsherrn.
  
Für seine Leistungen wurde er später als Held gefeiert. In der Politik der Eidgenossen wurde er nun zur Integra­tionsfigur schlechthin. In diversen Streitfällen versuchte er zu vermitteln und jeweils eine Eskalation zu verhindern; er war ein Friedenstifter.
  
Zur Abbildung oben: Adrian von Bubenberg reitet mit dem Kommandohammer in der rechten Hand zum Stadttor von Murten, um die Stadt gegen das anrüc­ken­de Heer Karls des Kühnen unter Grossmarschall Jakob von Savoyen (Graf von Romont) zu verteidigen. Hinter dem Berner Ritter trägt ein Knecht seinen Wappenschild. Ausschnitt aus der amtlichen Berner Chronik des Diebold Schi­lling, Band III. Rechts marschiert eine Truppe unter der Savoyischen Fahne (weis­ses Kreuz im roten Feld, Balken bis an den Rand gezogen, Ausschnitt rechts) in die Stadt Murten ein – reguläre Truppen Savoyens – um unter dem Kom­man­do Adrians v. B. bei der Verteidigung der Stadt mitzuhelfen. Savoyen war politisch gespalten, die Regentin Jolanthé, Schwester des Königs Ludwig XI. von Frankreich war 1476 nicht mehr auf der Seite Bur­gunds sondern ver­hielt sich gemäss der Tradition als Ver­bündete Berns. Jakob von S. hinge­gen han­delte illoyal gegenüber seiner rechtmässigen Dienstherrin. – Adrian v. B. pflegte im­mer wieder diplomatische Kontakte zum Hause Savoyen. So gelang es ihm schliess­lich dort ein Truppenkontigent für die Verteidigung Murtens zu erhalten – ein nicht Risiko freies Unterfangen, denn es bestand die Möglichkeit, dass die Soldaten zum Schwager der Regentin in Diensten Burgunds hätten überlaufen können. Murten stand übrigens zu diesem Zeitpunkt offiziell immer noch unter der Schutzherrschaft Savoyens (die Abtretung der Hoheit an Bern und die Eidgenossen erfolgte erst am 25. Juli 1476 im Frieden von Freiburg). – Ande­rer­seits hatte der Berner Ritter schon lange gute Beziehungen zum Adel Savoyens. Nachdem er am 10. Juli 1475 aus der Regierung Berns ausgeschlossen worden war, setzte er seine diplomatische Tätigkeit auf eigene Verantwortung fort. Schliesslich gelangte er zu einer Neueinschätzung der Lage und der Notwendigkeit Bern und Freiburg gegen den Herzog von Burgund zu verteidigen sowie auch die offiziellen Interessen Savoyens zu vertreten. Gleich nach ihrer Befreiung versuchte die Regentin Savoyens ein offizielles Beistandsabkommen mit Bern anzu­streben. Dies gelang ihr auch, zweifellos mit Hilfe Adrians von Bubenberg, der bereits zuvor, als Zeichen der Verbundenheit, eine ansehnliche Truppe aus Savoyen unter sein Kommando bringen und im April 1476 in Richtung Murten und zur Verteidigung der Stadt in Bewegung setzen konnte. – Warum sind aber auf dem Bild sowohl rote als auch blaue Soldaten zu sehen? Es waren anscheinend viel mehr blaue als rote. Rot ist die Farbe Savoyens, blau aber die Farbe Frankreichs. Jolanthe selbst gehörte das zweiteilige Allianzwappen: links das weisse Kreuz auf rotem, rechts drei goldene Lilien auf blauem Grund. – Sandte der Bruder Jolanthes, König Ludwig XI., ein Expeditionsregiment oder -brigade unter dem Kommando Adrians von Bubenberg? Verteidigten also Murten sowohl savoyische als auch französische Soldaten? – Die­bold Schilling (um 1445–86, Onkel des jüngeren Diebold Schilling) war Gerichtsschreiber in Bern und nahm unter Rudolf von Erlach selbst an der Schlacht bei Murten teil. – Chronologisch dazwi­schen liegt in Lausanne ein Eheabkommen, im Mai 1476: Maria von Burgund, Tochter Karls des Kühnen sollte den Herzog von Öster­reich, Maximilian, den Sohn von Kaiser Friedrich III. heiraten. Wer war übrigens zu dieser Zeit Bischof von Lausanne? Kardinal Giuliano della Rovere, Neffe von Papst Sixtus IV. und dessen Sonderbot­schafter. Der Kardinal selbst war nicht gerade ein Freund Burgunds sondern neigte damals eher zu Frankreich.
(• grösseres Bild: Einzug Adrians von Bubenberg in Murten)

  
Der Amstaldenhandel*
  
1478 planten die Entlebucher einen Putsch gegen die Stadt Luzern. Anführer war der ehemalige Hauptmann der Entlebucher Truppen, verwundet in der Schlacht von Grandson, Peter Amstalden von Schüpfheim. Darum wird später vom «Amstalden-Handel» gesprochen (Quelle 014 mit Literaturhinweisen). Die Aufständischen fanden Unterstützung in Unterwalden, wo man sich Gedanken machte, die Grenze um das Tal der Kleinen Emme zu erweitern. Besonders zwei Ratsherren in Obwalden waren involviert: Heinrich Bürgler und Hans Küenegger. Auch Bruder Klaus sollte für das Vorhaben eingespannt werden, was allerdings misslang. Was später der Luzerner Hans Salat in der Legende festhält passt genau in diesen Kontext (Quelle 233). Aber die Landsleute hörten nicht auf Bruder Klaus, kümmerten sich um fremde Angelegenheiten (Händel) und wollten die Grenze Unterwaldens erweitern – bei seinen Landsleuten in Obwalden war Klaus von Flüe nach 1467 ohnehin lange politisch erledigt. – Der geplante Staatstreich, der an der «Mäss» (Kirchweihfest), im Oktober 1478, stattfinden sollte, blieb aus. Peter Amstalden wurde bereits im August verhaftet. Adrian von Bubenberg, seit Ostern wieder Schultheiss von Bern, hatte für beide Seiten Verständnis und wollte vermitteln. Wer Derartiges tut, macht sich schnell bei einer der Streitparteien verdächtig, er würde die andere Seite unterstützen. So kam es dann auch.
  
Das Wesen der Folter ist: Wer die Macht hat, meint bestimmen zu können, was Wahrheit ist. Der politische Leader in Luzern, Kaspar von Hertenstein, Schlossherr von Buonas am Zugersee und Ritter des Königs von Frankreich, war in der politischen Gesinnung eher ein Antagonist des Berner Schultheiss’, der meistens eine gemässigte, verständnisvolle Haltung einnahm. Nun, Peter Amstalden wurde gefoltert. Er sollte dabei genau das sagen, was Hertenstein als im voraus gefasste Aussage hören wollte: Adrian von Bubenberg hätte die Obwaldner zu deren Verhalten ermuntert, also mit ihnen konspiriert. Als der Berner Schultheiss diese Anschuldigung vernahm, ritt er zusammen mit anderen Ratsherren sofort nach Stans um bei einer Unterredung aller Ratsherrn Unterwaldens die Sache zu klären. Dabei wurde festgehalten: Die Anschuldigung war falsch. Die Luzerner Verantwortlichen wollten diese Klarstellung nicht akzeptieren und entschuldigten sich nicht für ihr Verhalten. Das Verhalten der Luzerner lässt sich nur erklären durch die persönliche Aversion des hochrangigen Kaspar von Hertenstein gegen den Berner Magistraten. Der Amstaldenhandel belastete nun nicht nur das nachbarschaftliche Verhältnis zwischen Luzern und Obwalden sondern auch das durch das Burgrecht verfestigte Bündnis zwischen Luzern und Bern. Denn durch das aktuelle Burgrecht war Adrian von Bubenberg, der Schultheiss von Bern, jetzt auch Bürger von Luzern. Kann man aber einen hoch angesehenen Mitbürger so behandeln, ohne dass unerfreuliche Folgen entstehen? Das Burgrecht war jetzt auf dem Prüfstand.
  
Offensichtlich muss Amstalden etwas missverstanden haben. Trotzdem gibt seine erzwungene Aussage einen wichtigen Hinweis, nämlich dass Adrian von Bubenberg öfters in Obwalden weilte, aber wohl nicht bei irgendwelchen Ratsherren sondern dort, wo er am 27. April 1469 nachweislich war, bei Bruder Klaus im Ranft, der sich seinerseits trotz Bemühungen der Obwaldner und Entlebicher nicht für den Putsch einspannen liess, sie keineswegs ermunterte sondern sogar zur Mässigung ermahnte; er mahnte seine Landsleute in Obwalden, die Grenze (Zaun) Unterwaldens nicht zu erweitern und sich nicht in fremde Streitereien (Händel) einzumischen. Schultheiss Adrian v. B. hatte die Obwaldner ebenso in keiner Weise zur Einmischung ermuntert. Laut Philipp Anton von Segesser (1817–88, Sammlung Kleiner Schriften, 2. Band, Bern 1879, 37–46) hatte er auch keinen direkten Kontakt mit den involvierten Ratsherren, Bürgler und Küenegger. Es war allein die persönliche Animosität des Luzerner Schultheiss’ von Hertenstein, die Solches zu unterstellen motivierte.
  
Die Brüder von Bonstetten
  
An Silvester 1478 besuchte Albrecht von Bonstetten, Dekan im Kloster Einsiedeln, zusammen mit einer kleinen Reisegruppe Bruder Klaus im Ranft (Quelle 015). Wer alles dazugehörte, wird nicht erwähnt. Vielleicht waren sein Bruder, Andreas Roll von Bonstetten, seit 1463 verheiratet mit Johanna von Bubenberg, und dessen Schwager, Adrian von Bubenberg, mit dabei. Warum nannten alle wie im Chor Bruder Klaus einen «Christe Jhesu militem» (einen «Ritter Jesu Christi»)? War etwa noch ein Ritter anwesend? Vielleicht ein Ritter vom Heiligen Grab?
  
Albrecht von Bonstetten schrieb einen biografischen Bericht (Quelle 015). Er wollte ihn eigentlich drucken lassen. Aber der Familie mangelte es zurzeit erheblich an Geld. Darum wurden mehrere Abschriften, lateinisch und deutsch, angefertigt und an einige Adressen in ganz Europa gesandt, sogar an König Ludwig XI. von Frankreich. – Warum fehlte das Geld? – Der Bruder, Andreas Roll von Bonstetten, Schwager Adrians von Bubenberg, war zwar Bürger von Zürich und Bern, aber als Freiherr von Uster immer noch ein Vasall des Herzogs von Österreich mit der Verpflichtung zur Gefolgschaft. Als nun 1474 der Habsburger Sigmund dem Freiherrn von Bonstetten ein Aufgebot erteilte, konnte dieser nicht ablehnen. Er erhielt den Auftrag, eine Truppe (in Brigadestärke) zusammenzustellen und im Namen des Herzogs von Österreich die Freigrafschaft Burgund zu besetzen. Das Geld für Mannschaft (4000 Mann und 100 Pferde), Ausrüstung und Verpflegung musste er vorerst selber auftreiben. In finanziellen Nöten verpfändete er die Herrschaft Uster an die Stadt Zürich, die damals jedoch kaum mehr als 5000 Gulden wert war. Die Kosten für die militärische Expedition beliefen sich am Ende jedoch auf 32’000 Gulden. Der Habsburger Herzog in Innsbruck sollte Andreas Roll von Bonstetten später diese Summe erstatten. Im Vertrauen auf die Solvenz Sigmunds mit seinen reichen Tiroler Bodenschätzen (Silber und Kupfer in den Bergwerken bei Schwaz, vgl. Quelle 018), konnte der Freiherr von Uster Kredite aufnehmen, naheliegend bei seinem Schwager, Adrian von Bubenberg, oder dieser half mit einer Bürgschaft, das fehlende Geld zu borgen. Als Adrian von Bubenberg im August 1479 unerwartet an einer pestartigen Krankheit (nicht epidemisch, vermutlich durch Clostridien verursachter «Gasbrand») starb, war er hoch verschuldet. Sigmund beglich jedenfalls die Kriegsschulden dem Schwager Bubenbergs nie. – Wo Andreas Roll von Bonstetten mit seiner österreichischen Brigade durchzog, ist nicht genau bekannt. Da jedoch als Ziel, die freie Reichsstadt Besançon genannt wurde, nicht die Haupstadt der Freigrafschaft (das war Dôle), lässt darauf schliessen, dass der Zug im Herbst 1474 zunächst in Richtung der Burgundischen Pforte ging, und die Truppe an der südlichen Flanke in die Schlacht bei Héricourt eingriff. Vermutlich war der Brigadegeneral in Österreichs Diensten auch in den Schlachten bei Murten und Nancy beteiligt, zusammen mit dem anderen österreichischen Befehlshaber, Graf Oswald von Thierstein, der eine starke Kavallerie anführte, sowie dem Kommandanten der Truppen der Niederen Vereinigung (Strassburg, Colmar, Schlettstadt sowie Bistümer Basel und Strassburg), Wilhelm Herter. – Herzog Sigmund von Österreich (ab 1477 Erzherzog) machte jedoch reichlich Geschenke an Bruder Klaus und für seine Kapelle (Quelle 018).
  
Die Garriliati-Affäre
  
Adrian von Bubenberg starb zwar im August 1479 (an einer pestartigen Krankheit) hoch verschuldet, aber wegen Schulden wurde noch nie jemand vom Papst exkommuniziert, wie es heute noch über den Berner Ritter als Desinformation herumgeistert. Nach seinem Tod rückte im Kleinen Rat Berns sofort sein Sohn Adrian II. nach. Einige Monate nach der Bestattung im Berner Münster tauchte in Bern der römische Abbreviator (Apostolischer Protonotar und Vertrauter der päpstlichen Familie della Rovere) Nicolao Garriliati auf, mit einem besiegelten Pergament, das ihm die Pfründe des Priorats von Rüeggisberg zusicherte. Der Rat von Bern, der die Kastvogtei über das Kloster hatte sowie das Kollaturrecht, lehnte das Ansinnen ab. Der Streit eskalierte und Garriliati setzte sein Insiderwissen als Druckmittel ein. Er meinte, Adrian von Bubenberg würde eigentlich kein ehrenvolles Begräbnis zustehen, darum sei der Leichnam aus dem Münster zu entfernen und draussen vor der Stadt hinzuwerfen. Nun verstanden die Berner die Welt nicht mehr. Obwohl römischer Beamter mit notariellen Vollmachten, nannte er die wahren Gründe nicht, was sofort und bis auf heute zu Missverständnissen Anlass gibt. Die ganze Angelegenheit wird ausführlich dokumentiert im Missivenbuch (siehe Quelle 004) und in der Berner Chronik des Valerius Anshelm (Quelle 229). Eine offene Exkommunikation oder Kirchenbann war es jedenfalls nicht, es gab keine Bulle. Wenn überhaupt, kann es sich nur um eine latente Exkommunikation (excommunicatio latæ sententiæ) handeln. Doch wofür? Es fällt eigentlich nur die Begebenheit des 27. April 1469 auf, wo angeblich der Weihbischof von Konstanz bedroht wurde, so dass er die Inqusition am Eremiten, Klaus von Flüe, abbrechen musste. Ritter Adrian von Bubenberg wollte damals Bruder Klaus helfen und brachte sich dabei selbst in Schwierigkeiten. Zuständig für die Absolution war danach der Bischof von Lausanne (Bern gehörte damals zum Bistum Lausanne), dessen Sitz aber zu der Zeit vakant war. 1472 bis 1476 folgte dann Giuliano della Rovere, ein Neffe des Papstes Sixtus IV. und später selbst Papst als Julius II. Der Kardinal und Papstneffe war zugleich auch päpstlicher Legat in Frankreich. Es ist anzunehmen, dass er und Adrian von Bubenberg sich mehrmals auf ihren diplomatischen Reisen trafen und dass der Vorfall im Ranft dabei wohl auch einmal zur Sprache kam.
  
Das hohe Amt des römischen Kirchenmannes Garriliati hatte zu Missverständnissen Anlass gegeben, die nie ganz geklärt wurden. Garriliati hatte wohl ein Schriftstück mit Siegel bei sich, doch dieses bezog sich nicht auf eine Kirchenstrafe für Bubenberg sondern allein auf seinen Anspruch auf die Pfründe Rüeggisberg. Im Auftrag der Stadt Bern reiste 1481 Peter Kistler, Stiftsprobst von Zofingen (Sohn von Altschultheiss Peter Kistler †1480), nach Rom und wurde an der Kurie vorstellig. Er hatte einen Brief des Rates an Papst Sixtus IV. dabei (Abschrift im Missivenbuch, siehe Quelle 004). Über das Ergebnis seiner Verhandlungen wurde nichts Schriftliches festgehalten. Es scheint, dass die Causa Bubenberg ungelöst blieb, aber dennoch zumindest latent etwas vorgelegen haben musste. Eine latente Exkommunikation? Doch wofür? Darüber wurde weiterhin Stillschweigen gehalten. Um wieder etwas Ruhe zu erlangen, wurde Garriliati schlieslich doch noch die verlangte Pfründe übergeben, dazu das Bürgerrecht der Stadt Bern; zugleich wurde er auch Chorherr von Lausanne. Zweiffelos hatte diese Affäre Jahrzehnte später die Reformation beeinflusst.
  
Das Stanser Verkommnis – Dezember 1481
  
Nach der Garriliati-Affäre schien Adrian von Bubenberg allmählich in Vergessenheit zu geraten. Niemand traute mehr so recht, seinen Namen öffentlich zu auszusprechen. Immerhin war er vorher eine grosse Integrationsfigur der Eidgenossen, der schwierige Probleme lösen konnte und in manchen Missionen als Vermittler unterwegs war. Als dann die Arbeiten an einem neuen Bündnisvertrag nicht vorankamen und es keine Einigung zu geben schien, brauchte es nur ein Wort, gewissermassen eine Initialzündung. Das muss sich in etwa so abgespielt haben am 22. Dezember 1481 in Stans (Quelle 024 und weiterer Beitrag zum Stanser Verkommnis).
  
Hauptsächlicher Streitpunkt war das Burgrecht zwischen Luzern, Zürich und Bern sowie mit den befreundeten Städten Freiburg und Solothurn (ein Bürger der einen Stadt war nun automatisch auch Bürger der anderen). Die übrigen fünf Orte fochten das Burgrecht entschieden an. Das äusserst feindliche Verhältnis zwischen Luzern und Obwalden, wegen des Amstaldenhandels, heizte die schlechte Stimmung noch zusätzlich an, mehr noch, er war der eigentliche Stressor. Pacta sunt servanda, an dieser Devise hielt auch Bern immer noch fest, obwohl das Verhalten Luzerns gegenüber Adrian von Bubenberg eben noch im Amstaldenhandel auch zu Bern hin eine Missstimmung hinterliess, welche das Burgrecht leicht hätte kippen können. Durch ihre haltlose Schuldzuweisung und ihr feindseliges Insistieren gegenüber Adrian von Bubenberg hatten die Luzerner das Burgrechtabkommen unterhöhlt und herabgesetzt, denn immerhin war ja der verstorbene Berner Schultheiss auch ein Bürger Luzerns geworden. Was Bruder Klaus wirklich an Worten zur Streitschlichtung beitrug, ist, seiner Anordnung entsprechend, nie bekannt geworden. Diese Worte mussten aber genau den Schwachpunkt der Situation getroffen haben. Naheliegend ist, dass dieser im Missverhältnis zwischen Luzern und Bern lag, wo die Luzerner Regierung gegenüber dem Berner Schultheiss eine üble Nachrede betrieb, ausgerechnet für seine schlichtenden Leistungen hinsichtlich einer guten Integration aller Luzerner von Stadt und Land. Hatte Bruder Klaus einfach auf diese ihm persönlich nahestehende, friedensstiftende Integrationsfigur hingewiesen, den er überdies als ungerecht behandelt sah? Das ist naheliegend. Wie hätte sich Adrian von Bubenberg in der Stanser Tagsatzung verhalten? Und wenn sich die physisch anwesenden Gesandten seine Gegenwart hätten vorstellen können? Jedenfalls hatte der Eremit in politischen und ethischen Fragen die hervorragende Gabe, immer wieder genau den Punkt zu treffen, ohne viele Worte zu machen und dabei eher auf Andere als auf sich selbst hinzuweisen.
  
Zweifellos konnte nun die feindselige Haltung Kaspars von Hertenstein im Spätsommer 1478 gegen seinen Mitbürger, Adrian von Bubenberg (siehe oben: Amstaldenhandel), ein Faktor sein, um das Burgrecht zu kippen. Es könnte zudem sein, dass Ritter Adrian kein grosser Anhänger der Burgrechtidee war, dass er eher eine etwas andere Auffassung von der Einheit der Eidgenossen hatte und man sich jetzt daran erinnerte.
  
Die Geschenke der Städte
  
Bruder Klaus im Ranft wurde mehrmals von der Stadt Luzern um Rat und Intervention bei seinen Obwaldner Landsleuten angefragt (Quelle 013). Schliesslich gaben die Luzerner dem Eremiten eine neue Kutte (Quelle 019), 1481, ein paar Wochen vor dem Stanser Verkommnis. Hätten sie ihm die Kutte auch nach dem 22. Dezember noch geschenkt? – Bruder Klaus tritt in den Quellen erstmals 1478 als politischer Ratgeber in Erscheinung. Aber wie kamen die Luzerner auf Idee, diesbezüglich seine Fähigkeiten in Anspruch zu nehmen. Bei Tagsatzungen vor dem Amstaldenhandel, also vor dem August 1478, brachte vermutlich Adrian von Bubenberg bei den eidgenössischen Räten immer wieder den Namen des Obwaldner Eremiten zur Sprache. Sonst hätte der seltsame Ausstieg des Einsiedlers aus der Politik im Jahre 1467 ihn eher in Vergessenheit geraten lassen. Die Landsleute nahmen ihn ohnehin nicht mehr ernst. Da brauchte es mindestens einen versierten und allgemein geschätzten Zeitgenossen, der sehr wohl um die Fähigkeiten Klausens wusste. In Luzern war Melchior Russ (Stadtschreiber mit Vollmachten eines Notars und Gesandten) mit Bruder Klaus besonders verbunden (Quelle 016 und Quelle 306).
  
Eine besondere und wohl die grösste Verbundenheit zum Eremiten im Ranft hatten die Ratsherren von Bern. Das war keineswegs ohne die Person des Adrian von Bubenberg möglich, der zweifellos mehrmals im Ranft weilte. Ein paar Monate nach dem Stanser Verkommnis gründete Bruder Klaus am 12. Oktober 1482 die Ranftstiftung, um die Anstellung des Sigristen und des Ranftkaplans zu regeln (Quelle 030). Kurze Zeit darauf spendeten hierfür die Berner 40 Pfund. Bruder Klaus antwortete mit einem Brief (Quelle 031), worin er die Ethik des Friedens beschreibt. Ferner mahnt er dazu, sich in Glaubensfragen nicht irre leiten zu lassen. Vermutlich, ohne Namen zu nennen, hatte er die aktuelle Lage in Bern nach der Garriliati-Affäre (vgl. oben und Quelle 004) damit angesprochen. Dieser «Handel» versetzte die Stadt in Aufruhr, spaltete die Meinungen und konnte wohl Manchen in Zweifel an der Kirche und dem Glauben versetzen, auch Menschen, die hierin bisher immer Treue geübt haben. – Ein paar Jahre später, am 2. Dezember 1495, stifteten die Ratsherren Berns für die Ranftkapelle eine Glasmalerei (Quelle 063). Im Kleinen Rat Berns waren damals unter Anderen, Adrian II. von Bubenberg und Rudolf von Erlach. – Im Dankesbrief an Bern befinden sich die berühmten Worte von Bruder Klaus: «Frid ist allwegen in got, wan got der ist der frid und frid mag nit zerstoert werden, unfrid würt aber zerstoert.» (Der Friede ist immer in Gott, denn Gott ist der Friede. Und Friede kann nicht zerstört werden, Unfriede aber wird zerstört.) Hierzu korreliert sehr gut ein Grundsatz Bubenbergs: «Wo got nit ist, da mag kein guet end nierner gesin.» (Wo Gott nicht ist, kann es nirgends zu etwas Gutem kommen. – Siehe auch den Beitrag «Der Friede in Gott»).
  
Hatte Adrian von Bubenberg auch etwas zu tun mit dem farbigen Meditationstuch, das Bruder Klaus einst besass? Das könnte sein, kann aber (noch) nicht bewiesen werden. Beweisbar hingegen ist die Tatsache, dass der Eremit mit der Entstehung des Meditationsbildes nichts zu tun hatte. Den Beweis liefert ein Röntgenbild des zentralen Medaillons mit dem gekrönten Haupt aus dem Jahre 1947. Es zeigt das ursprüngliche Gesicht, ohne Bart und mit weitaus jüngeren Zügen, das ziemlich sicher übermalt wurde, bevor das Tuch Bruder Klaus geschenkt wurde. In auffälliger Weise hat das ursprüngliche Gesicht eine gewisse Ähnlichkeit mit Portraits des Burgunder Herzogs, Karl des Kühnen. Ohne Bart fallen alle späteren ikonografischen Deutungen dahin. Thema war die Gottebenbildlichkeit des Menschen. Höchstwahrscheinlich war das Tuch ein Andachtsbild im Feld für Karl den Kühnen. Der Herzog führte sicher in der Schlacht bei Grandson noch wertvollere Andachtsgegenstände mit sich als später in der Schlacht bei Murten. Es könnte nun sein, dass das Tuch, das um 1469 in Basel, im Umfeld von St. Leonhard, entstand und die dort gepflegte Devotio Moderna (• Schema) zusammenfasste, nach der Schlacht dem Verteidiger von Murten, Adrian von Bubenberg, übergeben wurde. An Silvester 1478 war Albrecht von Bonstetten mit einer kleinen Reisegruppe im Ranft bei Bruder Klaus (Quelle 015). Er hatte Zugang zur Zelle und zur Kapelle. In seinem Bericht finden wir keine Erwähnung des Tuches – wäre es wirklich vorhanden und wichtig gewesen, wäre sicher auch die Rede darauf gekommen. Der Bruder Albrechts war ein Schwager Adrians von Bubenberg. Wenn nun dieser zwischenzeitlich das Tuch besessen haben könnte, dann könnte es sein, dass es nach dessen Tod, im August 1479, übermalt und dem Eremiten durch den Erben, Adrian II., geschenkt wurde. Jedenfalls wusste damals niemand genau, woher das Bild stammte und wann es entstand. Bruder Klaus sagte nichts darüber. Wusste er selbst es auch nicht? Bereits kurz nach dem Tod des Einsiedlers, im März 1487, kamen Gerüchte auf mit teilweise absurden hysterischen Dimensionen, die heute noch in den Köpfen herumgeistern. Dass Bruder Klaus eine Art geometrischer Radskizze besessen haben sollte, dafür gibt es überhaupt keinen Beweis. Welche Skizze denn auch? Es gab um 1488 drei verschiedene Varianten, davon eine mit Zirkel (Quelle 052), Lineal und Bleistift gezeichnete, die beiden anderen sind Holzschnitte (Quelle 048).
  
In der Denkmalstätte Walhalla bei Regensburg sind beide vertreten, Adrian von Bubenberg (Gedenktafel seit 1842) und Niklaus von Flüe (Büste vor 1847). Weder Karl der Kühne noch Kaiser Friedrich III. sind hier zu finden, dafür aber Friedrich I., Kurfürst von der Pfalz (1451–1476), Bruder des kurfürstlichen Erzbischofs von Köln (1463–1480), Ruprecht von der Pfalz. Kaiser Friedrich III. sah in den beiden einflussreichen Brüdern im Kurfürstenstand und Enkel des römischen (nicht deutschen) Königs Ruprecht I. die Gefahr, dass sie irgendwann Karl den Kühnen zum römischen König wählen könnten. In seiner rigorosen unt perfiden Machtpolitik verhängte der Habsburger Kaiser sogar 1474 (im gleichen Jahr begannen mit der Schlacht bei Héricourt die Brugunderkriege) über Friedrich I. von der Pfalz die Reichsacht und bekämpfte mit allen Mittel dessen Bruder, den vom Domkapitel rechtmässig gewählten Erzbischof von Köln, der wiederum innerhalb des Domkapitels einen starken Feind hatte, Hermann von Hessen (Bruder der Landgrafen von Hessen). Mit Hilfe Hermanns konnte der Kaiser auch einige der Kurköln untergebenen Städte gegen den geistlichen Kurfürsten aufbringen. Vom Habsburger Friedrich III. hätte später sogar der CIA noch viel lernen können. Kurfürst Ruprecht, obwohl von Papst Pius II. (Enea Silvio de' Piccolomini, der frühere Sekretär Kaiser Friedrich III.) als Erzbischof ausdrücklich bestätigt, starb schliesslich 1480 in hessischer Gefangenschaft. Wäre er hingegen erfolgreich gewesen, hätte dies die beiden anderen geistlichen Kurfürsten, von Mainz und Trier, ebenso zur Partei pro Karl den Kühnen hin gezogen. Dann wäre das Stimmenverhältnis 4:3 zu Gunsten des Burgunders aus dem Hause Valois gewesen – Albrecht Achilles von Brandenburg und Albrecht von Sachsen wären eher auf der Seite der Habsburger (Friedrich und Sohn Maximilian) gewesen, ebenso der siebte Kurfürst, König Vladislav II. von Böhmen, Sohn der Elisabeth von Habsburg.
  
Nebenbei bemerkt: Der im Roman von Heinrich Federer über Bruder Klaus auf mehreren Seiten geschmähte umtriebige «Mötteli», alias Jakob von Rappenstein (†um 1521, vgl. auch Quelle 041), heiratete als Witwer um 1490 Justina Roll von Bonstetten, eine Nichte Adrians von Bubenberg. Jakob von Rappenstein war nicht nur als erfolgreicher Kaufmann sondern auch als Diplomat tätig. Er befand sich längere Zeit im Streit mit Kaiser Friedrich III., war jedoch mit dessen Vetter, Herzog Sigmund befreundet. Allein dieser Gegensatz öffnet Fragen über das Verhältnis der beiden Habsburger untereinander. Der Kaiser bezichtigte den Lindauer Kaufmann als Wucherer – ausgerechnet der Kaiser, der in Geldangelegenmheiten völlig unziemperlich seinen Tiroler Vetter immer wieder unter Druck gesetzt und bestohlen hatte. Jakob v. R. war offensichtlich auch ein Verbindungsmann zwischen dem Habsburger Herzog in Innsbruck und den Eidgenossen. – Federer lässt in seinem Werk die Gerüchteküche kräftig brodeln und schildert dagegen den Amstaldenhandel wie einen harmlosen, unbedarften «Sonntagsspaziergang».
  
*Bereits im 19. Jahrhundert waren Historiker eifrig am Werk und erforschten die Zusammenhänge zwischen Adrian von Bubenberg und dem Amstaldenhandel. Dabei wurden vorhandene Quellen in Archiven erschlossen.
Literatur zur Vermittlertätigkeit und Anschuldigung Adrians von Bubenberg, in: Abhandlungen des Historischen Vereins des Kantons Bern (AbhHVBern):
a) R. Fetscherin, Aktenstücke zu Adrian von Bubenbergs Biographie, besonders den Handel wegen Amstalden betreffend, in: AbhHVBern 2, 1851/54, S. 318–329
b) Basilius Hidber, Zu Peter Amstaldens Prozeß, besonders Bubenberg betreffend, in: AbhHVBern 2, 1851/54, S. 345–349
c) Philipp Anton von Segesser (1817–88), Sammlung Kleiner Schriften, 2. Band, Bern 1879, 37–46
d) Andreas Ineichen, Dr. phil., Buch zur Rechtsgeschichte des Entlebuch, Staatsarchiv Luzern, in Vorbereitung (2011)
   
  
… imaginativ gegenwärtig – Stanser Verkommnis 1481
  
Albrecht von Bonstettens biografische Schrift über Niklaus von Flüe
  
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